30.06.2014

Armin Maiwald

"Lasst Kinder auch einfach mal nichts tun und doof in der Ecke rumsitzen."

Armin Maiwald
Interview: Stefan Üblacker / Foto: Flash Film

Der durchschnittliche Maus-Zuschauer ist 40 Jahre alt. Kann man da überhaupt noch von Kinderfernsehen sprechen?

Ja, natürlich. Man muss zwei Entwicklungen sehen: Zum einen wird unsere Gesellschaft immer älter und zum Anderen halten uns viele Menschen, die uns schon als Kind gesehen haben, die Treue und schauen nun mit ihren eigenen Kindern die Sendung. Wir freuen uns, dass wir auch viele Erwachsene unter unseren Zuschauern haben. Das zeigt, dass unser Programm selbst für Erwachsene nicht langweilig ist. Ich werde heute noch oft von erwachsenen Menschen auf bestimmte Beiträge, die bei ihnen hängen geblieben sind, angesprochen. Es ist schön, dass man mit seiner Arbeit eine gewisse Nachhaltigkeit bewirkt hat.

Die Maus ist eine der langlebigsten Sendungen im Deutschen Fernsehen. Wie viele Rückmeldungen erhalten Sie nach einer Sendung?

Das Zuschauerbüro des WDR betreut für uns die Post und dort gehen pro Sendung zwischen 1000 und 2000 Rückmeldungen ein. Die werden alle beantwortet und wir erhalten wenige Tage später eine kleine Zusammenfassung und gleichzeitig viele neue Fragen. So schnell werden uns die Themen also nicht ausgehen, obwohl sich manche Fragen natürlich auch wiederholen.

Welche Frage wird Ihnen am häufigsten gestellt?

"Warum ist der Himmel blau?" ist die meistgestellteste Frage überhaupt. Es ist auch völlig legitim, dass es diese Wiederholungen gibt, denn jedes Kind entdeckt die Welt von Neuem. Es gibt aber auch immer wieder neue Fragen. Allein die heutige Technik wirft viele Fragen auf.

Dadurch bleibt man auch gut auf dem Laufenden.

Natürlich. Ich muss mich bei jedem Thema neu reinknien, bis ich es selbst begriffen habe und eine Geschichte daraus machen kann.

Bei den Sachgeschichten gibt es immer wieder auch Themen, die viele kritische Rückmeldungen hervorrufen. Ich denke da an Dinge wie Schwangerschaft, Tod oder die Schlachtung von Tieren. Wie gehen Sie damit um?

Es ist klar, dass es bei solchen Themen ein größeres Echo gibt als z. B. bei technischen Themen. Viele Eltern haben Angst davor Ihre Kinder mit diesen Dingen zu überfordern.

Warum versuchen aber viele Eltern ihren Kindern bei Aspekten, die zum Leben dazugehören, etwas vorzumachen?

Heutzutage ist viel Bewahr-Pädagogik im Spiel. Die Kleinen sollen möglichst unbekümmert aufwachsen und nicht zu früh mit den Problemen der Welt konfrontiert werden. Das halte ich für einen Fehler. Kinder müssen lernen so etwas gemeinsam mit ihren Eltern zu verarbeiten. Meiner Generation, die im Krieg aufgewachsen ist, sind sogar noch viel schlimmere Dinge widerfahren und wir sind damit klargekommen, irgendwie.

Wir hatten in meiner Familie diese Diskussion als mein Großvater gestorben ist und es darum ging ob unser damals zwei Jahre alter Sohn mit zur Beerdigung kommt. Wir haben uns dafür entschieden, weil wir ihm auch die Möglichkeit bieten wollten sich von seinem Urgroßvater zu verabschieden.

Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Wir haben mit einem mittlerweile verstorbenen Bestattungsunternehmer aus Bergisch Gladbach einen Film namens "Abschied von der Hülle“ für die Maus gedreht. Er hat uns auch berichtet, dass Kinder mit dem Tod oft sehr viel selbstverständlicher umgehen als wir Erwachsenen das tun. Er hat uns Bilder gezeigt, wo Kinder Särge bemalt haben oder ein Stofftier mit in den Sarg gelegt haben. Das hat mir sehr imponiert und war auch sehr nachvollziehbar für mich. Auf diesen Film haben wir viele Reaktionen erhalten, in denen Eltern sich darüber beschwert haben, wieso wir Kindern so etwas zeigen.

Auf der anderen Seite sind diese Eltern dann ratlos, wenn ihr Kind im Alltag nicht zurecht kommt.

Der gesellschaftliche Druck, der heutzutage auf die Kleinen ausgeübt wird, ist immens. Viele Kinder haben einen Terminkalender, der praller gefüllt ist als bei manchem Manager. Das sollte Anlass zum Nachdenken geben. Ich plädiere dafür den Kindern auch mal Zeit zu geben. Lasst Kinder auch einfach mal nichts tun und doof in der Ecke rumsitzen. So etwas regt auch die Phantasie an und viele Erfindungen sind bekanntlich aus der Langeweile heraus entstanden. Wenn man den Kindern diese Erfahrungen schon so früh nimmt, tut man ihnen keinen Gefallen damit. Die Praxen der Psychologen sind schon jetzt gut gefüllt mit Kindern, die unter den Folgen dieser Entwicklungen leiden.

Man spricht in der Psychologie auch von den "Helikopter-Eltern". Sind deren Reaktionen auf Ihre Beiträge nicht manchmal auch haarsträubend?

Ja, man muss sich schon manchmal an den Kopf fassen, was einem so alles vorgeworfen wird. Man muss aufpassen nicht in den vorauseilenden Gehorsam zu verfallen. Man sollte Sachen nicht verwerfen, nur weil man meint, dass es einigen Leuten nicht gefallen könnte. Viele beschweren sich z. B., dass wir nach Klein-Kleckersdorf an der Branze mit dem Auto fahren (lacht). Dass es aber kaum eine andere Möglichkeit gibt ignorieren die Meisten. Das immer noch beste Beispiel um einen Sturm der Entrüstung hervorzurufen, ist, in einem Beitrag einen Spatz zu zeigen und zu behaupten, dass es sich hierbei um eine Elster handelt.

Wägen Sie bei der Auswahl Ihrer Themen ab, welche Reaktion dieser oder jener Beitrag hervorrufen könnte?

Ja, aber eben nur bis zu einem gewissen für uns nachvollziehbaren Grad. Wir waren anlässlich einer Sommerreise mal in einer Moschee in Duisburg-Marxloh. Sie können sich vorstellen, welche Reaktionen dies hervorgerufen hat. Das hat sämtliche Klischees erfüllt, die man sich nur vorstellen kann. Dabei waren die Leute in der Moschee unheimlich freundlich und nett. Über diese Engstirnigkeit kann ich nur den Kopf schütteln. Es lohnt auch nicht wirklich sich darüber aufzuregen. Man muss akzeptieren, dass jede Gesellschaft mit einem gewissen Grad an Idioten zurechtkommen muss - nur darf man eine Gesellschaft nicht den Idioten und Extremisten überlassen.

Ihr Gesicht ist sehr bekannt. Wie fallen die Reaktionen aus, wenn Sie sich auf der Straße bewegen?

Ich werde oft erkannt - mitunter führt dies auch zu sehr lustigen Erlebnissen. Ich bin einmal mit der S-Bahn von Potsdam nach Berlin gefahren und traf dort auf eine Gruppe Punks. Zunächst hatte ich schon etwas Angst, aber die haben mich erkannt und wir hatten dann ein sehr schönes Gespräch über diverse Geschichten aus der Maus. Solche Erlebnisse führen auch dazu, dass man die eigenen Klischees auch mal kritisch hinterfragt. Natürlich gibt es auch Leute, die nicht zwischen Fernsehen und Realität unterscheiden können und sich z. B. darüber beklagen, dass ich als Privatmensch rauche. Damit muss man leben. Ich war immer schon darauf bedacht mich nicht auf irgendein Podest stellen zu lassen, denn Hunde pinkeln gerne an Podeste.

 

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