28.01.2014

Dietmar Wischmeyer

"Ich kotze stellvertretend für die Menschen."

Dietmar Wischmeyer
Interview: Stefan Üblacker / Foto: Ralf Vielhauer

Haben Sie Lieblingswörter in der deutschen Sprache?

Brustwarze. Für das Wort habe ich beim Verein der deutschen Sprache auch eine Patenschaft übernommen. Eine Warze ist eigentlich etwas Ekliges und es nicht nett von der deutschen Sprache ein sekundäres Geschlechtsmerkmal bei der Frau auf diese Weise herabzusetzen. Hinzu kommt, dass "Brust“ auch nicht wirklich schön klingt und einen gleich an Dinge wie "Wurst“ denken lässt.

Ich mag Wörter mit "ps“ am Ende sehr.

Ah, davon gibt es auch nicht viele. Oliver Welke aus dem Hintergrund: "Klops, Pups …“

Oder Drops.

Weitere Lieblingswörter sind Bräteinwaage oder Zurrgurtöse. Letzteres könnte auch türkischen Ursprungs sein (lacht).

Bei manchen zusammengesetzten Wörtern stößt man beim Lesen nicht sofort auf die wirkliche Bedeutung. Ich hatte das vor kurzem bei einem Rezept, bei dem von Rohrohrzucker die Rede war und ich mir erst nicht erklären konnte, was Rohr-Ohr-Zucker sein soll …

Da sind wir bei den alten Blumento-Pferden (lacht). Ich finde es auch klasse, dass manche Wörter in deutschen Dialekten lustige Synonyme haben. Das bayerische Wort für "Güllefaß“ ist z. B. "Odelbanzen“ - herrlich!

Loriot hat einmal gesagt, dass „Auslegeware“ bei ihm hoch im Kurs steht.

Er hat es auf jeden Fall gerne verwendet. Das ist auch so ein branchenspezifisches Wort. Bei den ganzen Handwerkerberufen gibt es natürlich einen immensen Schatz an Begriffen. So ist z. B. von der "Schließfolge geregelten Tür“ die Rede. Die deutsche Sprache ist schon sehr konkret. Ich kann mir z. B. nicht vorstellen, dass es in der griechischen Sprache ein Wort wie "Spaltmaß“ gibt (lacht).

Vor kurzem hat die Gesellschaft zur Erhaltung der deutschen Sprache "Sozialtourismus“ zum Unwort des Jahres gekürt. Eine gute Wahl?

Ich finde es bescheuert. Mein Unwort des Jahres wäre "Soziale Gerechtigkeit“ gewesen. Das ist für mich auf jeden Fall das Bla-Bla-Wort des Jahres - vielleicht sollte man das mal wählen. Das ist absolut nichtssagend und der Begriff ist meiner Meinung nach völlig sinnleer, denn ich glaube kaum, dass jemand dafür eine präzise Definition parat hätte. An zweiter Stelle würde bei mir "Inhalte“ stehen. Es kotzt mich dermaßen an, wenn ich im Vorfeld von Wahlen immer wieder hören muss, dass es den Herren und Damen Politiker nur um Inhalte geht.

Von Nachhaltigkeit wird dabei auch gerne gesprochen.

Ja, das ist auch so ein Kotz-Wort. Das Wort wurde ja nur geschaffen, weil keiner das englische Wort "substansibility“ aussprechen kann (lacht).

Wenn man die Bühnenfigur und den Privatmensch Dietmar Wischmeyer nimmt: Wie weit gehen diese auseinander?

Extrem. Ich habe ja mehrere Bühnenfiguren und in jeder steckt natürlich ein Teil meines privaten Ichs drin. Bei einer Figur wie Willi Deutschmann, die mit einer 3-Zentner-Frau zusammen ist, wünscht man sich natürlich nicht, dass da etwas von der eigenen Autobiographie mit drinsteckt (lacht).

Der Saal hier in Bonn, in dem Sie heute auftreten, ist schon karnevalistisch geschmückt. Kommt da bei Ihnen nicht sofort wieder der Hass auf den kölschen Frohsinn hoch, den Sie in Ihrem Text "Köln“ so ungehemmt freien Lauf lassen.

Man muss Köln zu Gute halten, dass es eine Lesereihe hat, die da heißt: "Köln ist scheiße“. Das müssen andere Städte erstmal bringen. Trotzdem ist dieser Text einer der am weitestverbreiteten von mir im Internet.

(Frage von Oliver Welke: Hast du daraus einen Satz parat, wenn wir heute Abend auf Köln zu sprechen kommen?)

Ja, z. B. "Der Dom sieht aus, als wenn er von unten durch die Betonplatte gejagt worden wäre“ (lacht).

Der Untertitel Ihres aktuellen Buchs, aus dem Sie heute Abend lesen, heißt „Deutsche Helden privat“. Erhebt man hierzulande Menschen nicht ziemlich schnell in den Heldenstatus?

Ich denke bei Helden immer an "Unsere gefallenen Helden“ und das ist ja auch etwas, was man den Protagonisten in unserem Buch wünscht. Ich könnte mir gut vorstellen, dass man die Namen dieser Leute ähnlich wie bei Kriegsdenkmälern mal in Stein meißeln sollte: "Unsere gefallenen Helden 2014 bis 2018“. Ich hätte da auch direkt eine Idee für eine neue Fernsehshow: Anstelle von "Menschen 2013“ könnte man lieber alljährlich eine Stunde lang zeigen, wie der Name des größten Varus des Jahres von einem Steinmetz in Stein gemeißelt wird. Das ist genauso sinnvoll, kostet fast nichts, macht aber keiner.

Sie geben schon ein sehr misanthropisches Menschenbild ab. Wie gehen Sie mit Menschenaufläufen um?

Ich gebe noch ein bisschen Salz dazu und fertig! (lacht). Ich versuche sie generell zu vermeiden, wo es nur geht. Leider kann ich mich ihnen nicht komplett entziehen. Ich will auch nicht in Indien Urlaub machen. Dort ist das Dauerzustand und dann würde ich zuviel kriegen.

 

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