26.09.2014

Dr. Ring Ding

"In Deutschland galt Musik schon als exotisch, wenn bei Paul Kuhn eine Rassel im Hintergrund zu hören war."

Dr. Ring Ding
Interview: Bine & Stefan Üblacker / Foto: Marius Brüggen

Richard Alexander Jung alias Dr. Ring Ding ist in vielen Metiers zu Hause. Ob als Interpret, Kolumnist oder Moderator. Die Sammlung an Veröffentlichungen mit seiner Beteiligung ist enorm und über den gesamten Globus verteilt. Seit 2013 ist der Münsteraner nun als Richie Alexander Mitglied bei der deutschen Ska-Legende The Busters. Wir trafen uns im Süden der Republik, wo grade die Arbeit am bald erscheinenden The Busters-Album „Supersonic Eskalator“ abgeschlossen wurde. Obwohl er anfangs noch ziemlich ermattet wirkte, wich die Müdigkeit schnell, als es um seine Liebe zu Frankreich und seine Begeisterung für Ska, Dancehall und Reggae ging.

Du besitzt neben der deutschen auch die französische Staatsbürgerschaft? Wie viel Franzose steckt in Dir?

Meine Mutter ist Französin und ich bin durch sie zweisprachig aufgewachsen. Ich habe einen Teil meiner Kindheit in Frankreich verbracht und wir waren auch sehr oft in ihrem Heimatort, der nicht weit von meiner Heimatstadt Münster entfernt liegt. Ich hatte zudem das Glück als Fünfjähriger für ein paar Wochen in Douai in eine französische Vorschule, die sogenannte École Maternelle, gehen zu dürfen, da meine Familie umgezogen ist und ich für ein paar Wochen zu meiner Oma ausquartiert worden bin. Dadurch habe ich mehr französische Sozialisation als meine Geschwister erfahren. Dafür bin ich sehr dankbar.

Den Franzosen wird eine andere Herangehensweise an das Leben als den Deutschen bescheinigt. Kannst Du das bestätigen?

Ja, die Franzosen haben einfach diesen „Laissez-faire“-Lebensstil, den man bei uns nicht kennt. Dort wird z. B. nicht blöd geguckt, wenn der Nachbar nur mit Schlafanzug bekleidet ein Baguette kaufen geht. In Deutschland wird erstmal scharf darüber nachgedacht, ob dies überhaupt erlaubt ist und anschließend schnell getratscht. Bei mir legt sich innerlich direkt ein Schalter um sobald ich über die Grenze nach Frankreich fahre.

Das ging mir bei meinen Aufenthalten ähnlich.

Ja, das ist irre, oder? Ich bin sehr gerne dort.

Die Franzosen sind bekanntermaßen sehr stolz auf ihre „Grande Nation“.

Absolut. Nur wenige Franzosen verbringen ihre Sommerferien im Ausland, die meisten verreisen mit ihren Familien innerhalb des Landes - nach dem Motto: „Woanders ist auch schön, aber hier ist es schöner“. Die Franzosen hegen auch kein sonderlich großes Interesse am ausländischen Geschehen und sie sind z. B. sehr faul, was das Sprechen von Fremdsprachen anbelangt. Das wird sicher jeder bestätigen können, der schon einmal ohne große Französisch-Kenntnisse im Land war.

Frankreich kam durch die Kolonialzeit schon sehr früh mit Multikulti-Einflüssen in Berührung. Hat das auch Dein Interesse für die Musik geweckt, die Du heute spielst?

Ja, das denke ich schon. Viele französische Künstler wie Henri Salvador oder Charles Aznavour, die ich schon seit meiner Kindheit höre, haben immer wieder mal lateinamerikanische Rhythmen benutzt. In Deutschland galt Musik schon als exotisch, wenn bei Paul Kuhn eine Rassel im Hintergrund zu hören war. Man darf dabei natürlich nicht vergessen, dass durch die Nazi-Diktatur enorm viele solcher Einflüsse unterbunden und zunichte gemacht worden sind. Deutschland befindet sich kulturell immer noch im Wiederaufbau. Man sieht das an Phänomenen wie dem Buena Vista Social Club, die für viele hierzulande Musik wie vom anderen Stern zu sein scheinen. Für mich war diese Art von Musik schon immer gegenwärtig und deswegen war sie auch nie exotisch oder fremd für mich.

Du kannst sehr gut Patois sprechen, die Sprache der Jamaikaner, die oft in Reggae- oder Dancehall-Songs zu hören ist. Wie kam es dazu?

Das lief bei mir über den Ska. Ich habe mit 17 Jahren angefangen bei El Bosso & die Ping Pongs zu spielen und ich habe mich ab diesem Zeitpunkt überhaupt erst mit der Materie beschäftigt. Das fing zunächst mit Interpreten des Ska-Revivals wie den Specials oder Madness an und ging dann über zu den Originalen wie Toots & the Maytals oder Desmond Dekker. Beim Hören dieser Songs habe ich festgestellt, dass diese Interpreten in der Tat eine andere Sprache zu benutzen scheinen, denn kaum jemand, der der englischen Sprache mächtig war, konnte mir übersetzen was Desmond Dekker in seinem größten Hit „The Isrealites“ gesungen hat. Ich hatte aber das große Glück u. a. als Tourbegleiter viel Zeit mit Desmond Dekker verbringen zu dürfen und gelernt, dass es sich hierbei um kein schlecht gesprochenes Englisch, sondern um eine eigene Sprache handelt.

Wie muss man sich Dein weiteres Sprachstudium vorstellen?

Dank Interpreten wie Linton Kwesi Johnson oder Mutabaruka, die Dub Poetry machen, habe ich noch genauer hingehört und deren Texte gelesen. Später habe ich noch Bücher über Patois gelesen und immer wieder Jamaikaner getroffen, die ich mit weiteren Fragen löchern konnte.

Warst Du schon auf Jamaika?

Noch nie. Ich war vor kurzem bei meinem Besuch in Venezuela zum allerersten Mal überhaupt in der Karibik. Es hat sich irgendwie einfach noch nicht ergeben.

Hinter dem Ska steckt auch eine politische Aussage. Interpreten wie die Specials oder auch The Busters haben das stets mehr als deutlich gemacht. Welche Rolle spielt für Dich Politik in der Musik?

Mein Interesse richtet sich eigentlich ausschließlich auf die Musik. Ich höre Musik nicht, weil diese eine tolle politische Botschaft transportiert, sondern weil sie mich anspricht. Ich finde es jedoch gut, wenn bei Künstlern neben der Unterhaltung auch eine Haltung sichtbar wird. Darum finde ich es sehr gut, dass wir bei den Busters mit den „Ska Against Racism“-Shirts immer wieder ganz klar Stellung beziehen.

Diese klare Positionierung der Interpreten rührte aus Problemen mit Skinhead-Gruppen, die in den 1980er Jahren immer wieder bei Ska-Konzerten auftauchten. Hast Du selbst solche Vorkommnisse erlebt?

Ganz selten. Für mich ist es unbegreiflich wie jemand mit einer rassistischen Gesinnung zum Konzert einer Band gehen kann, deren Vorbilder alles Schwarze sind. Das ist paradox.

 

 weiterlesen 

 
 





 
Social Distortion
"Machine Gun Blues"

"Ich mag Worte, die man nicht zwangsläufig in Popsongs erwartet."
Niels Frevert

Kraftklub
Nena
Jonny Two Bags
Donots
SWISS und die Andern
Jan Plewka
Farin Urlaub
Dr. Ring Ding
Niels Frevert
Bela B