26.09.2014

Dr. Ring Ding

"In Deutschland galt Musik schon als exotisch, wenn bei Paul Kuhn eine Rassel im Hintergrund zu hören war."

Dr. Ring Ding
Interview: Bine & Stefan Üblacker / Foto: Marius Brüggen

Viele jamaikanische Reggae- und Dancehall-Stücke weisen homophobe Textzeilen auf. Jamaika selbst ist für seine rigiden Strafen gegenüber homosexuellen Verhalten bekannt. Wie denkst Du darüber?

Ich finde alles indiskutabel, was sich gegen die Menschlichkeit richtet. Wenn Leute wegen ihrer Hautfarbe, sexuellen Neigung oder religiösen Gesinnung diskriminiert werden sträuben sich bei mir die Nackenhaare. Solch ein Verhalten finde ich anstrengend engstirnig. Bei mir wird es sicher keine homophoben Texte geben, denn die meisten meiner Texte handeln in irgendeiner Form von meinem Leben. So wird es bei mir auch keine Texte über „göttliches Ganja“ geben, da ich nicht kiffe. Das an sich ist schon selten in der Szene. Ich habe den Eindruck, dass viele jamaikanische Interpreten auf dieser Welle mitreiten ohne genau zu reflektieren, welche Botschaft sie konkret transportieren.

Wie erklärst Du Dir dieses homophobe Verhalten?

Das hängt stark mit der Bildung und den sozialen Verhältnissen zusammen. Kinder, die ohne funktionierende Vaterfiguren aufwachsen, müssen ihrer Männlichkeit dann möglicherweise durch Gewalt Ausdruck verleihen. Bei vielen dieser Künstler scheint auch die Bildung des eigenen Charakters noch nicht weit genug vorangeschritten, weil der Blick über den eigenen Tellerrand erschwert war. Ich bin durch die Musik schon in vielen Teilen der Erde herumgekommen und sehr dankbar für all die tollen Begegnungen mit Menschen unterschiedlichster Herkunft, Hautfarbe und Religion.

Wie kam es zu diesen Erfahrungen?

Die Ska-Szene ist weltweit vernetzt. Die ersten Alben mit meiner Band, den Senior Allstars, wurden auch international vertrieben und so machte das schnell die Runde. Das entstand eigentlich noch alles bevor es das Internet gab. Hinzu kam, dass ich über diverse Kontakte neben meinen eigenen Bands auch mit anderen Künstlern wie den Toasters touren konnte.

Hast Du einen Lieblingsflecken auf der Erde?

Das ist stimmungsabhängig bei mir. Mir gefällt es sehr gut in Polen oder den USA, aber letztlich geht es nicht um das Land, sondern um die Menschen. Ich werde oft eingeladen und bin überall gerne, wo man mich spielen sehen möchte.

Du tanzt auf vielen Hochzeiten - bist im Ska, wie im Dancehall oder Reggae zu Hause. Hast Du ein bevorzugtes Steckenpferd?

Nein, eigentlich nicht. Ich bin Zwilling und liebe die Vielfalt. Ich höre auch nicht nur lateinamerikanische Musik, sondern auch Blues, Soul, Chanson oder Rock'n'Roll. Das Schöne ist, dass ich mich nicht einschränken muss, sondern immer genau dem nachgehen kann, auf das ich gerade Lust habe.

Droht Dir nicht die Gefahr, dass Du den Überblick verlierst?

Mir geht das nicht so, aber vielleicht geht es den Zuschauern so (lacht). Ich habe mir mit der Zeit angewöhnt meinen Projekten verschiedene Namen zu geben. Bei den Busters bin ich Richie Alexander, wenn ich Dancehall mache trete ich als Dr. Ring Ding auf und meine Ska-Vorliebe lebe ich mit Dr. Ring Ding Ska-Vaganza aus.

Fühlt sich jede Facette für Dich anders an?

Überwiegend, aber natürlich gibt es auch Schnittmengen. Zu den Chansons oder Swing-Stücken, die ich aufführe, habe ich z. B. eine persönlichere Beziehung als zu den Ska- und Dancehall-Sachen, die ich mache. Die bedienen eher die Rampensau in mir. Jeder Mensch trägt ja verschiedene Stimmungen in sich. Ich habe das Glück diese mit meinen Zuschauern teilen und ausleben zu können.

Du bist letztes Jahr als neues Mitglied bei der deutschen Ska-Legende The Busters eingestiegen. Wie kam es dazu?

Ich hatte stets einen großen Respekt vor der Band und wir haben uns auch immer gegenseitig auf Stand gehalten. Im vorletzten Jahr haben sie mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte auf ihrer Jubiläumstour als Special Guest mit dabei zu sein. Das habe ich gerne gemacht und es hat super harmoniert. Es kam auch beim Publikum gut an. Die Stelle des zweiten Sängers war zudem schon länger vakant in der Band und irgendwann im letzten Jahr haben sie mich gefragt. Ich brauchte zunächst ein bisschen Bedenkzeit, da ich für mich erst mal schauen musste, ob das nicht irgendwann in einem Offbeat-Overkill bei mir mündet (lacht). Tut es aber nicht.

Wie fühlt es sich an in eine Band einzusteigen, die schon so lange zusammen spielt?

Mir ist schon bewusst, dass ich mich ins gemachte Nest setze (lacht). Es ist einfach wunderbar mit so viel geballter Kompetenz Musik machen zu dürfen. The Busters sind eine Band, die nicht nur aus tollen Musikern, sondern auch aus guten Menschen besteht. Ich habe das bei solch großen Gruppen eher selten erlebt und es ist sicher auch einer der Gründe, weshalb sie schon so lange existieren.

 

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