09.11.2003

Fehlfarben

"Es ist immer scheiße One-Hit-Wonder zu sein!"

Fehlfarben
Interview: Stefan Üblacker / Foto: www.motor.de

Solingen. Die meisten Leute können bei den Fehlfarben, wenn überhaupt, nur mit deren erfolgreichstem Song "Es geht voran" etwas anfangen. Doch sie haben mit Platten wie "Monarchie & Alltag" ganze Generationen von Musikern und Menschen beeinflusst. 2002 war es Zeit für ein Comeback. Seitdem sind sie mit ihrem aktuellen Album in fast gleicher Besetzung wie zu Beginn der 80er auf Tour. Am 9. November 2003 hatte ich vor dem Auftritt im Solinger Getaway die Möglichkeit mit Sänger Peter Hein und Gitarrist Thomas Schwebel zu sprechen.

Ihr gebt auf Eurer Homepage an, dass die Verleihung der Goldenen Schallplatte bei der EMI für "Monarchie & Alltag" die Initialzündung für das Comeback im Jahr 2002 war. Wer von Euch hatte zuerst die Idee einer neuen Fehlfarben-Platte?

Thomas Schwebel: Wir waren zu viert bei der Verleihung und da hat die EMI gefragt: "Wollt ihr nicht?" Dann haben wir uns angeguckt und gesagt: "Wollen wir?" Dann haben wir genickt. Dann hat die EMI genickt. Dann haben wir gemacht. Dann hat die EMI nicht mehr genickt und den Kopf geschüttelt (lacht). Dann haben wir trotzdem genickt und gesagt: "Wir machen das trotzdem weiter." ...?
Peter Hein: ... und dann kam irgendwann K7 und so kam's.

Wie zufrieden seid Ihr mit dem Album?

TS: Ich bin sehr zufrieden. Auf jedem Album gibt es eben Licht und Schatten. Das wechselt aber auch häufig. Gerade dann wenn man die Stücke mehr als 50 mal live gespielt hat, dann würde man gern im Nachhinein einiges verändern.
PH: Ich habe aber auch kein Problem mit der Differenz. Live ist eben anders als Platte.

Ihr zählt Euch auch nicht zu solchen Künstlern bei denen das Livematerial wie auf Platte klingen muss?

PH: Nee, auf keinen Fall. Eine Band, die auf der Bühne, wie auf Platte klingt, da gehe ich lieber nach Hause. Da kann ich mir die Platte auch auflegen.?
TS: Und das klingt dann immer noch besser.
PH: Ja, eben. Da redet auch keiner dazwischen oder geht pissen oder Bier bestellen und wird nicht zusammengeschissen von irgend jemanden nach dem Motto "Ruhe jetzt!". Nee, ich finde das einfach gruselig. Das kann auch so peinlich in die Hose gehen.

Gibt es Stücke in Eurer Discographie, die ihr im Nachhinein bereut aufgenommen zu haben?

TS: Es gibt einzelne Stücke, die man heute nicht mehr gut findet wo ich denke: "Oh Gott, das hätte man vielleicht nicht machen müssen.". Auf der anderen Seite stellen sich plötzlich nach 20 Jahren Sachen, für die man sich mal entschuldigt hat, als großartig heraus und man kriegt plötzlich auf die Schulter geklopft von irgendwelchen Leuten, wie toll das war. Irgendwie kann ich mit allem irgendwie leben - auch mit den Peinlichkeiten.

Was ist mit dem kommerziell erfolgreichsten Stück von Euch "Es geht voran"?

TS: Auch damit kann ich leben, kein Problem, netter Song, hat uns viel geholfen. Vielen Dank, "Es geht voran"!
PH: Genau! Auch auf dem Kontoauszug seh ich's immer ganz gerne. (lacht)
TS: Es gibt so viele andere Songs, die einfach besser sind als der und die mehr Spaß machen und nicht so abgelutscht sind.

Spielt Ihr das Stück noch live?

TS: Im Moment nicht.
PH: Seit der Reunion, also seit der jetzigen Live-Phase haben wir es nicht gespielt, nein.

Werdet Ihr noch gerne auf den Song angesprochen oder wie ist Euer Verhältnis dazu?

PH: Es ist immer scheiße One-Hit-Wonder zu sein.

Stimmt. Ist immer blöd anderen zu erklären: "Fehlfarben, das sind die mit "Es geht voran".“

PH: Ja, genau. Dann kommen eben diese Leute zum Konzert und stellen dann fest, dass alles anders ist als "Es geht voran". Zum Glück auch.
TS: Die Version, die auf der Platte ist war auch die schlechteste Version, die wir je von diesem Stück gespielt haben. Das ist auch das Verrückte. Ich habe mir die Bänder noch mal angehört - grausam. Ich kann mich noch erinnern: Wir kamen ins Studio an einem Freitag und haben nachmittags unser Zeug aufgebaut. Am Abend spielten wir dann zum Warmwerden "diese blöde Funknummer, die keinen Namen hat". Irgendwann hat Janie (Peter Hein) dann dem Ganzen einen Text und Namen gegeben und dann haben wir nie wieder daran gedacht. Wir haben das Stück nachher auch immer besser als auf dieser schlechten Version gespielt. Oliver Kahn würde wohl sagen. dass es die "eierloseste" Version ist, die wir je aufgenommen haben (lacht). Das Stück ist ok, aber die Aufnahme ist wirklich grottig.

Ich habe vor kurzem ein Statement von unserem Bundesumweltminister gelesen, der sich als großer Fan von Euch preisgab. Ihr wart auch immer eine politische Band durch Eure Texte und Haltung. Wie beurteilt ihr die derzeitige politische Lage?

TS: Unsere Freunde haben es ja jetzt in die Regierung geschafft, wie man lesen kann. Unsere Türsteher sind Außenminister.
PH: Unsere Besucher sind Umweltminister ...?
TS: ... und rasieren sich sogar Bärte ab, wenn sie uns in der Berliner Volksbühne sehen.
PH: Besser machen sie es letztlich auch nicht. Man kann sich aber wenigstens der Illusion hingeben.
TS: Wobei es ein gutes Zeichen ist, dass so jemand mit einer Karriere wie Joschka Fischer Außenminister werden kann. Das wäre in Frankreich oder England nicht möglich, wo Politiker grundsätzlich in Eliteschulen gecastet werden und aus der gleichen Szene kommen.
PH: ... Regierung wie Opposition …
TS: Gerade da ist es eben schön, dass es eine Biografie wie die von Joschka Fischer gibt. Man sieht auch, dass diese ganzen Schlagzeilen um seine damaligen Geschichten im Frankfurter Milieu ihm nichts anhaben konnten - eher sogar bestärkt haben und auch seine Akzeptanz bei den BILD-Zeitungslesern gesteigert haben …
PH: ... weil er eben Eier hat (alle lachen) …
TS: Ja, da hätte ich eben nicht gedacht, dass so etwas in Deutschland möglich ist, eher in Schweden oder so.

Beim Punk stand damals die Ablehnung des Establishments und das Ausbrechen aus den bürgerlichen Verhältnissen im Zentrum der Bewegung. Glaubt Ihr, dass so etwas heute noch möglich ist?

TS: Ich denke schon. Man sollte die "Attac"-Bewegung auch nicht unterschätzen. Mit der wachsenden Globalität wird natürlich auch der Zorn auf diese globaler. Auf der anderen Seite ist die Rebellion auch schwieriger geworden. Dieter Bohlen benimmt sich der Definition nach im Grunde wie ein Punk - der sagt was er will, der benimmt sich wie ein riesengroßes Arschloch, macht mit drei Akkorden Millionen.

Was den Ramones verwehrt blieb.

TS: Ja, genau. Im Grunde genommen ist er der No.-1-Punk der Gesellschaft.
PH: Er dürfte nur nicht soviel auf der Sonnenbank liegen.

Der Sonnenbankpunk eben.

PH: Man darf aber eben auch viel mehr. Damals hat es ja wirklich gereicht, statt dir die Haare zu kämmen, sie wuschelig zu machen. Heute musst du schon Leute aufschlitzen um wahrgenommen zu werden.
TS: Das merkt man in dem, was die Leute wirklich schockiert.
PH: Im Kinderfernsehen habe ich neulich nackte Ärsche und Pimmel gesehen, von Titten ganz zu schweigen, das kann doch nicht im Sinne des Erfinders sein. Womit soll man heute noch schockieren. Man müsste wohl erst in ein schwerkriminelles Pornogeschäft einsteigen.
TS: Selbst jemand wie Eminem, der als einziger noch schockiert, der muss darüber singen, dass er seine Mutter umbringt und seine Frau und Mutter vögelt - ich weiß nicht in welcher Reihenfolge er das gemacht hat. Man muss also richtig starken Tobak auffahren. Auch Marilyn Manson muss sich schon schwerwiegende Sachen überlegen um die Menschen in Amerika zu schocken. Hier in Deutschland regt sich ja schon keiner mehr über Manson auf.
PH: Es reicht ja schon heute gegen solche Castingshows zu sein um als gesellschaftlich Ausgestoßener zu gelten.

Das gleiche höre ich immer von den Ärzten, wenn sie auf ihre Indizierungen von solchen banalen Songs wie "Claudia hat 'nen Schäferhund" angesprochen werden. Heute holt man damit wohl keine solche Reaktion mehr hervor, doch damals waren es für die selbsternannten "Jugendschützer" eben heilige Kühe …

TS: Richtig. Es gab ja vor kurzem eine Band, die wollte es einem ihrer Fans ermöglichen sich bei einem Konzert von ihnen auf der Bühne umzubringen. Das wäre vor 20 Jahren unfassbar gewesen. Heute ist das eine kleine Schlagzeile in der Zeitung. Irgend so ein CSU-Abgeordneter, von dem man zuvor noch nie etwas gehört hat, der hat sich natürlich darüber aufgeregt. Was will man da noch machen?

 

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