15.04.2014

Gentleman

"Es ist beschämend, wie wir mit unserer privilegierten Lage umgehen."

Gentleman
Interview: Stefan Üblacker / Foto: Pascal Bünning

Köln/Bonn. Tilman Otto aka Gentleman ruft an. Wir sprechen mit ihm über sein Mitwirken in dem Film "Journey To Jah" der Schweizer Regisseure Noël Dernisch und Moritz Springer, in dem er neben dem italienischen Reggaekünstler Alborosie einer der beiden Hauptdarsteller ist. In dem Film geht es um den Clash der Kulturen, die positive Wirkung von Musik und um ein Land, dass wie Himmel und Hölle gleichzeitig ist. Gentleman gerät noch immer ins Schwärmen, wenn er von Jamaica spricht, zugleich bestürzen ihn die negativen Seiten des Landes. Man merkt schnell, dass er ein überaus leidenschaftlicher Mensch ist.

Welche Farben hast du im Kopf wenn du an Jamaica denkst?

Ich denke da zuerst an Grün. Jamaica ist ein unglaublich saftiges Land. Es gibt dort unglaublich viele Grüntöne.

Was für ein Gefühl stellt sich bei dir ein, wenn du in Jamaica aus dem Flugzeug steigst?

Ein sehr vertrautes Gefühl. Seit meinem 18. Lebensjahr fahre ich regelmäßig nach Jamaica. Mittlerweile bin ich 39 und ich habe inzwischen sehr viel Zeit dort verbracht und kenne die Insel sehr gut. Jamaica ist ein pulsierendes und vibrierendes Land. Es ist beeindruckend wie viel Kreativität von dieser kleinen Insel kommt.

Der Film "Journey To Jah" vermittelt dies sehr gut. In Jamaica scheint man das pralle Leben mit all seinen guten und bösen Seiten zu erleben.

Absolut. In Jamaica bekommt man die geballte Ladung Leben. Mein Freund Alborosie hat das mit dem Satz "God lives here, but Satan too." sehr schön auf den Punkt gebracht.

Hat es lange gedauert bis dich die Jamaikaner als Einer der ihren akzeptiert haben?

Kann ich nicht sagen. Ich bin Europäer und ich möchte auch gar nicht einer von ihnen sein. Das bin ich nicht und das werde ich auch nie sein. Ich habe in der Musik eine universelle Sprache gefunden und bin in meinem Leben immer meiner inneren Stimme gefolgt. Das spüren die Leute dort und respektieren es auch. Meine Musik findet zwar dort statt, aber Jamaica käme auch sehr gut ohne mich aus. Es ist aber eine ganz besondere Motivation für einen Reggaekünstler wie mich, wenn im Mutterland des Reggae, meine Musik eine große Beachtung findet.

Was bedeutet Reggae konkret für die Jamaikaner?

Es ist ein Lebensgefühl und eine Bewegung. Reggae ist eine Musikrichtung, die zugleich als Transportmittel dient um auf bestimmte Dinge aufmerksam zu machen und Debatten auszulösen. Reggae ist sehr politisch und radikal und trotzdem so süß. Er bewegt sich am Puls der Zeit und beinhaltet trotzdem viel Traditionelles. Er hat einfach eine enorme Aussagekraft.

Finden neben Reggae auch andere Musikstile auf Jamaica statt?

Eine Sache, die den Reggae immer ausgezeichnet hat, war die Aufnahme von verschiedenen musikalischen Einflüssen, die dann auch zu Verzweigungen wie Dancehall, Dub oder Ska geführt haben. Natürlich finden auch Hip-Hop oder R'n'B auf Jamaica statt, aber eher am Rande.

Ist die Musik eigentlich wirklich überall auf den Straßen von Jamaica präsent?

Ja. Reggae ist das größte Kulturgut des Landes. Es ist zwar ein kleines Land, es hat aber eine enorme musikalische Dichte. Darauf kann das Land zu Recht stolz sein. Die Musik aus Jamaica wird in die ganze Welt getragen.

In dem Film kommen Reggaegrößen wie Jack Radics oder Richie Stephens zu Wort, die unabhängig voneinander angeben, dass du für sie eine große spirituelle Erfahrung und Inspiration warst und bist. Haben dich diese Aussagen überrascht?

Ich bin der festen Überzeugung, dass sich Menschen stets gegenseitig inspirieren. Jack und Richie sind in all den Jahren wie eine Art Lehrer für mich gewesen. Ich habe viel durch die Beiden gelernt. Sie waren mit die ersten Menschen, die mir in Jamaica die Türen geöffnet haben. Richie Stephens war der erste Produzent, mit dem ich auf Jamaica zusammengearbeitet habe. Jack Radics hat mir sehr viel mit auf den Weg gegeben. Er besitzt eine große Weisheit. Musikalisch haben wir uns dann gegenseitig befruchtet.

Jack Radics vertritt in dem Film eine sehr klare, radikale Haltung gegenüber der Rastafari-Bewegung in Jamaica. Findet in dem Land eine Reflexion dieser Bewegung statt oder ist eher blinder Gehorsam angesagt?

Ich bin kein Freund von Allgemeinplätzen. Es gibt eben solche und solche Menschen. In jeder Religion gibt es Fanatiker und Dogmatiker, aber auch reaktionäre Kräfte. Es ist ganz schwierig einen roten Faden in der Rasta-Bewegung zu erkennen. Man muss auch sehen, dass sie im Vergleich zu anderen Religionen noch sehr jung ist und noch einiges an Entwicklungspotenzial in sich birgt. Ich habe ganz viele verschiedene Arten von Rastas mit ganz unterschiedlichen Ansichten kennengelernt. Das Allerwichtigste für mich ist die Frage, ob meine Religion mich zu einem besseren Menschen macht. Das ist das, worauf es ankommt.

Welche Leitlinien aus der Rasta-Bewegung hast du für dich übernommen?

Bewusst mit sich und seiner Umwelt umzugehen und sich immer daran zu erinnern, wo wir eigentlich herkommen. Gott an sich zu verehren ist nicht mein Fall. Ich fühle mich keiner Religion zugehörig. Jede Religion hat einen guten Kern und ebenso Dinge, die mir nicht gefallen.

Wie verbindest du die hierzulande weitverbreitete materielle Sicht auf die Dinge mit dem nackten Kampf ums Überleben, der in Jamaica an der Tagesordnung ist?

Ich merke, dass es Probleme gibt, die uns alle betreffen und darüber hinaus noch welche existieren, die nur in der jeweiligen Zivilisation akut sind. Jamaica ist ein sehr armes Land. Dort sind die Probleme von existenzieller Natur. Trotz dieser Not und schieren Verzweiflung sind die Menschen aber sehr positiv und leben sehr im Moment. Wir hingegen leben im Überfluss und haben laufend Angst all das Angehäufte zu verlieren. Es ist beschämend, wie wir mit unserer privilegierten Lage umgehen.

 

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