15.04.2014

Gentleman

"Es ist beschämend, wie wir mit unserer privilegierten Lage umgehen."

Gentleman
Interview: Stefan Üblacker / Foto: Pascal Bünning

Im Film lernen wir auch deinen Freund und Guide Natty kennen. Wie wichtig ist ein solcher Guide auf Jamaica?

Es ist generell sehr wichtig einen guten Freund und Guide zu haben. Ich finde es wichtig Menschen um sich zu haben, die einem auch den Spiegel vorhalten und durch das Labyrinth helfen können. Als Europäer in Jamaica ist es auf jeden Fall von Vorteil Menschen um sich herum zu haben, denen man vertrauen kann und die einem helfen in das Land hereinzukommen. Ich bin glücklicherweise mit der Gabe gesegnet Menschen zu erkennen, die mir gut tun. Ich kenne Natty inzwischen seit ca. 15 Jahren und er war auch schon öfters bei mir in Deutschland. Uns verbindet ganz viel.

Wie reagieren Jamaikaner auf Deutschland?

Im ersten Moment ist ein absoluter Kulturschock für sie. Das war es aber auch für mich als ich zum ersten Mal in Jamaica war. Es ist eine ganz andere Welt und nur schwer zu beschreiben. Viele Jamaikaner sind übrigens auch in ihrem eigenen kleinen Land selbst noch nicht viel rumgekommen.

Als du das erste Mal im Land warst, bist du bestimmt mit einer großen Naivität an viele Dinge herangegangen, oder?

Mit 18 ist man in vielen Dingen sehr naiv, was auch Vorteile mit sich bringen kann. Man geht dadurch aber z. B. in Gegenden, in die man sich eigentlich besser nicht begeben sollte. Solche Erfahrungen erweitern den Horizont ungemein. Ich bin für diese unbekümmerte Objektivität sehr dankbar. Heute würde ich mir sicher drei Mal überlegen, ob ich einfach so mal nach Jamaica fahren würde.

Die Kriminalität in dem Land ist sehr hoch. Hast du dort schon jemals brenzlige Situationen erlebt?

Ja, die habe ich aber in anderer Form auch hier erlebt. In Jamaica sind es jedoch ganz andere Dimensionen. Kingston Town ist neben Johannesburg wohl die Stadt mit der höchsten Mordquote weltweit. Das Land ist tief in der Korruption versunken und fast jeder, den ich dort kenne wurde im Alltag schon einmal mit Gewalt konfrontiert. Es ist nur schwer zu begreifen, dass an einem Ort mit so viel Schönheit eine solche Dunkelheit herrscht. Auf Jamaica gibt es auf der einen Seite so viel Liebe und Zuneigung wie nirgends anders, auf der anderen Seite aber auch eine hohe Kriminalität und Ignoranz.

Hast du eine Idee, wie sich das ändern könnte?

Ich glaube Bildung und familiärer Halt sind ganz wichtig. Es gibt viele Kids in den Ghettos, die ohne Eltern sind. Ihr Umfeld ist geprägt von Trost- und Perspektivlosigkeit und der Abrutsch in die Kriminalität passiert sehr schnell. Man kennt das auch aus unseren Breitengraden - aus den Problembezirken in Berlin und Hamburg oder den Vororten von Paris.

Langeweile kann schnell wie eine Zündschnur zum Pulverfass sein.

Ganz genau. Perspektivlosigkeit bei jungen Menschen birgt immer große Gefahren.

Ein weiterer unschöner Aspekt an dem Land ist die weit verbreitete Homophobie. Du lebst in Köln, dass eher für den krassen Gegensatz steht. Der Unterschied ist für dich sicher schwer zu akzeptieren.

Diese homophobe Haltung hat der Musik auf Jamaica ganz stark geschadet. Ich sitze oft zwischen zwei Stühlen und kann dieses Verhalten nicht verstehen. Ich kann einfach nicht nachvollziehen, wie man jemanden aufgrund seiner Sexualität diskriminieren kann. Das geht mir in den Kopf nicht rein. Ich bin froh, dass die Diskussion darüber stattgefunden hat, denn sie musste stattfinden und ich habe das Gefühl, dass sie sich in den Texten bereits niedergeschlagen hat. Wenn man sich die Mühe macht und die Reggaescheiben der letzten Jahre betrachtet findet man kaum noch homophobe Texte. Diese Entwicklung ist sicher positiv zu bewerten, aber insgesamt sind diese Gedanken noch immer tief verankert. Es wird sicher noch einige Zeit dauern diese Ketten zu sprengen.

Worin liegt diese Homophobie begründet?

Vieles hängt mit dem Umfeld zusammen, in denen die Leute dort groß werden. Hinzu kommen die mangelnde Bildung und nicht zuletzt die Politik, die nach wie vor Homosexualität unter Strafe stellt.

 

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