09.04.2014

Heisskalt

"Man sollte seine eigene Platte genauso abfeiern können, wie die seiner Lieblingsband."

Heisskalt
Interview: Bine & Stefan Üblacker / Foto: Ben Wolf

Köln. Wir haben uns im Sport- und Olympiamuseum mit Mathias Bloech, Marius Bornmann, Philipp Koch und Lucas Meyer" von der Band Heisskalt zum Interview verabredet. Mit ihrem Debüt-Album "Vom Stehen und Fallen", das auf dem Stuttgarter Label Chimperator erscheint, hat die Band ein beeindruckendes Album vorgelegt. In entspannter Atmosphäre reden wir über die Aufnahmen zu ihrem Album, Clubsterben und Gipfelkreuze. Zwischendurch müssen wir das Band immer wieder mal stoppen, da lautstarke Kindergruppen im Museum ein Gespräch unmöglich machen.

Ihr kommt aus Stuttgart - einer Stadt, die in musikalischer Hinsicht mit Künstlern wie den Fantastischen 4 oder Cro für Hip-Hop steht. Ihr greift lieber zu Gitarren. Was ist nur schief gelaufen?

Mathias: Wir begreifen uns zunächst einmal nicht als patriotische Schwaben. Es stimmt natürlich, dass Stuttgart von außen betrachtet keine bekannte Gitarrenrock-Szene wie z. B. die Hamburger Schule vorweisen kann. Doch es gibt einige coole Bands, wenngleich man von einer echten Szene aber sicher nicht sprechen kann. Hip-Hop ist im Moment klar das dominierende Ding, aber wir finden das nicht schlimm.

Wie ist es um die Clubszene in Stuttgart bestellt?

Lucas: Die legendäre Röhre musste aufgrund des tollen Bahnhofsprojekts schließen.
Marius: Es ist schon festzustellen, dass ein Club nach dem anderen dicht macht und selten etwas Gutes nachkommt.
Lucas: Man hört auch immer wieder, dass das LKA Longhorn bald schließen wird.
Marius: In Stuttgart wird gerne viel über Kultur geredet, aber wenig gehandelt.
Mathias: Man wird hingehalten und vertröstet. Stuttgart 21 scheint wie eine schwarze Wolke über allem zu schweben. Denn mit dem Bau des neuen Bahnhofs ist ein riesiger Eingriff in die Städteplanung verbunden, der auch enorme Auswirkungen auf den Kulturbetrieb hat.

Es ist auch sehr schwer für neue Clubs geworden, die immer härter werdenden Sicherheitsauflagen der Behörden zu erfüllen und dabei trotzdem profitabel und cool zu sein. Ich habe das mit Schrecken bei der neuen Batschkapp gesehen, die nichts mehr mit dem Charme des früheren Gebäudes zu tun hat.

Lucas: Gerade ein Musikclub sollte ein Ort sein, an dem man nicht eingeengt wird und sich eine gewisse Kreativität breit machen kann. Durch immer härtere Auflagen wird dies im Keim erstickt.
Mathias: Das Substage in Karlsruhe ist auch ein erschreckendes Beispiel. Früher war es kleiner Club mit niedriger Decke im Herzen der Stadt. Heute ist es eine kalte Halle draußen im Industriegebiet.

In der neuen Batschkapp dürfen aufgrund der Brandmeldeanlage noch nicht mal Band- oder Crew-Mitglieder in der Halle rauchen.

Marius: Das geht gar nicht.
Lucas: Mit Rock'n'Roll hat das nicht mehr viel gemein.

Euer Produzent Moritz Enders hat auch das Debüt-Album von Kraftklub gemischt. In der Tat drängt sich ein gewisser Vergleich zu ihnen auf. Wo seht ihr selber Ähnlichkeiten und Unterschiede?

Marius: Wir sind im gleichen Alter, kommen wie sie ebenfalls nicht aus der Großstadt und ticken deswegen vielleicht schon ein bisschen ähnlich. Wir kommen jedoch aus einer ganz anderen musikalischen Richtung. Die Referenzen, auf die sich Kraftklub auf ihrem Album beziehen sind nicht die unseren.
Philipp: Sie sind auf jeden Fall eine großartige Band. Ich mag den smarten Humor vom Sänger sehr.
Marius: Bei den Texten erkennt man auch wieder einen Unterschied. Kraftklub schreiben sehr Ich-bezogene, konkrete Texte während Mathias viel mit Bildern spielt. Das liegt sicher auch in deren Hip-Hop Sozialisation begründet.

Da wir gerade bei euren Texten sind: Mathias, mir ist aufgefallen, dass sich viele Texte um Momente und Augenblicke drehen. Bist du jemand, der öfters bestimmten Momenten nachtrauert?

Mathias: Nein, ich trauere nicht groß. Ich versuche aber die Gefühle eines solchen Momentes für mich festzuhalten und in eine Textform zu bringen. Aus vielen solcher Momentaufnahmen entsteht dann am Ende meist ein ganzer Song.

Die Reproduzierung eines Moments spielt auch in der Musik eine Rolle. Oft will man eine bestimmte Melodie, die man im Kopf hat auch genauso auf Platte bannen. Ist euch das gelungen?

Mathias: Es ist uns soweit gelungen, dass wir genau die Platte aufgenommen haben, die wir auch aufnehmen wollten. Wir haben die Platte sehr intuitiv geschrieben und uns sehr akribisch auf den Aufnahmeprozess vorbereitet. Wir haben im Vorfeld der eigentlichen Aufnahmen viel Zeit aufgewendet um die Ideen, die wir im Kopf hatten, zu verwirklichen.
Lucas: Wir hatten uns auch dazu entschieden die Platte live aufzunehmen und mussten somit schon viel in Vorleistung treten, damit wir die Songs später im Studio möglichst als One-Take einspielen konnten.

Ein ehrenwertes Unterfangen.

Marius: Wir haben uns am Ende bei der Hälfte aller Lieder für den ersten Versuch entschieden.
Mathias: Ich muss aber hinzufügen, dass mein Gesang nicht darunter fällt. Es geht hier allein um die Instrumental-Aufnahmen.
Philipp: Wir haben gemerkt, dass bei den ersten Versuchen oft die beste Stimmung herrschte. Unsere Köpfe waren frei und noch nicht mit Gedanken an mögliche Verbesserungen oder andere Dinge blockiert.
Mathias: Man hört ja öfters, dass Bands sich während des Aufnahmeprozesses am Ende für die Ursprungsversion eines Songs entscheiden. Die Intensität und die Gefühle kommen bei diesen Versionen meistens viel stärker hervor als bei späteren Versuchen.

Bietet diese Art der Aufnahme den Songs noch die Möglichkeit sich später live weiter zu entfalten?

Mathias: Auf jeden Fall. Wir haben die ersten Shows mit dem neuen Material hinter uns und es ist überaus spannend zu sehen, wie das Publikum darauf reagiert. Wir haben unsere Songs für die Bühne geschrieben und spielen sie jetzt erstmal so durch, wie wir sie auch aufgenommen haben. Live stellt man immer Dinge fest, die man während der Aufnahmen nicht bedacht hat.
Marius: Als Schlagzeuger verzweifelt man oft bei manchen Mitklatsch-Teilen, bei denen man sich mit aller Macht auf den Takt konzentrieren muss. So etwas hat man im Studio nicht unbedingt vorher gesehen.
Philipp: Ein Publikum kann selten den Takt halten. Ich kann mich jedenfalls an keines erinnern.
Mathias: Die Gruppendynamik greift schnell um sich.

 

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