01.07.2014

Michael Weigelt

"Die Folgen eines Verbots von Drogen sind viel verheerender als die Folgen einer Legalisierung."

Michael Weigelt
Fotos: Edition Steffan / Interview: Bine & Stefan Üblacker

Michael Weigelt wollte einst eigentlich nur nach Jamaika auswandern, um sich dort, nach einer missglückten Geschäftsidee in Deutschland, ein neues Leben aufzubauen. Daraus wurde dann die Geschichte von "Jamaika-Mike", der im großen Stil Kokain von Jamaika nach Europa geschmuggelt hat, einem Mordversuch knapp entkam und vom BKA gesucht wurde. Mit uns sprach er über seine damaligen Beweggründe, seine abenteuerlichen Erlebnisse und die Folgen seines Handelns. Bis heute verfolgen ihn seine Drogengeschäfte. Michael Weigelt wünscht sich nichts mehr als eine reelle, zweite Chance für einen Neuanfang. Das obwohl sein Buch "Jamaika-Mike" ein sogenannter "stiller" Bestseller in Deutschland wurde. Dies alles hat Michael Weigelt mit Howard Marks gemeinsam, dessen famose Autobiographie „Mr. Nice“ in England ein Mega-Bestseller wurde und in Deutschland immerhin ein ordentlicher Bestseller. Es befindet sich bereits in der 4. Auflage, es läuft kontinuierlich, ohne große Medienbeachtung, denn "Jamaika-Mike" passt nicht in der Mainstream, ist politisch nicht korrekt. Insofern ist die Bezeichnung des "deutschen Mr. Nice" nicht ganz verkehrt. Am Ende des Gesprächs kam es noch zu einer Diskussion rund um die Drogenpolitik.

Michael, heutzutage sind amerikanische TV-Serien wie "Breaking Bad" oder "Weeds" in aller Munde. Wie findest du diese?

Das hat mich schon mal jemand gefragt. Ich muss aber gestehen, dass ich diese bislang noch nicht gesehen habe. Ich schaue aber generell gerne Serien - zuletzt z. B. "Californication".

In beiden Serien geht es um den Handel mit Drogen. Was meinst du, woher die Faszination für dieses Thema rührt?

Drogen sind nun mal Fakt. Es gibt sie, sie werden konsumiert und man kann mit ihnen Wahnsinnssummen verdienen. Es ist ein Business, das einen gewissen Glamourfaktor besitzt. Man kann extrem reich werden, man kann aber auch ins Bodenlose fallen. Ich denke, dass das die Faszination vor allem ausmacht. Wenn man das dann noch gut inszeniert, dann funktioniert das auch bei einem breiten Publikum, siehe "Blow" mit Johnny Depp und auch "Mr. Nice" mit Rhys Ifans.

Du warst Teil dieses Geschäfts. Plagen Dich heute Skrupel?

Diese ganzen Organisationen würden nicht existieren, wenn es keine Nachfrage nach Drogen gäbe und wenn sie nicht verboten wären. Ich bekomme immer wieder die Frage gestellt, ob ich ein schlechtes Gewissen gehabt hätte mit Drogen gehandelt zu haben. Wenn ich ehrlich bin, muss ich das verneinen, denn wenn ich es nicht gemacht hätte, wären andere gekommen und hätten es gemacht. Aber auch das ist nur im Nachhinein eine Begründung. Zu dem Zeitpunkt, als sich diese Frage vielleicht gestellt hätte, da ging es für mich nur drum, wie ich irgendwie an Geld komme um nicht zu verhungern. So war die brutale Realität. Wenn man quasi um sein Überleben kämpft, dann stellen sich solche "Luxus-Fragen" nun mal nicht! So fragt man nur, wenn man abgesichert im Sessel sitzt, noch nie Hunger hatte und sich berechtigt fühlt die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Es sind die selbsternannten, vermeintlich moralisch hoch stehenden Gutmenschen, die so was ernsthaft fragen und gleichzeitig "richtig" beantworten können.

Warst du selber Konsument?

Nein. Ich habe zwar Kokain probiert, aber es hat mir nichts gegeben. Man sollte als Dealer nie sein bester Kunde sein. Das bringt nur Schwierigkeiten mit sich.

Du hast von Jamaika aus Kokain nach Europa geschmuggelt. Das Land gilt als einer der größten Drogenumschlagplätze der Welt. Wie hast du diese Größendimension erlebt?

Als das deutsche BKA mich festgenommen hatte, haben sie gedacht, dass sie mit mir einen richtig dicken Fisch an der Angel hätten. In Wirklichkeit waren die Mengen, die wir transportiert haben, nur Kinderkram. Das wahre Ausmaß ist viel erschreckender. Es werden Hunderte von Tonnen im Jahr dort umgeschlagen. Die meisten Drogen kommen aus Kolumbien. Mein damaliger Boss wurde einst zum berühmt-berüchtigten Cali-Kartell nach Bogota zum Rapport bestellt. Obwohl er ansonsten die Coolness in Person war, hatten die ihn dort mächtig eingeschüchtert. Ich kann das auch sehr gut verstehen, denn immerhin haben die zusammen mit der amerikanischen Anti-Drogen-Behörde DEA einst den Drogenpapst Pablo Escobar verdrängt und physisch vernichtet. In diesen Strukturen ist ein Menschenleben nichts wert - egal ob es sich dabei um Arbeiter auf den Plantagen, Deserteure oder Bosse handelt. Da wird nicht lange gefackelt.

Der Untertitel deines Buches lautet "Eine Auswanderstory". Man wandert immer mit bestimmten Hoffnungen aus. Wie sahen diese bei dir aus?

Ich war froh, dass ich den ganzen Ärger aus Deutschland hinter mir gelassen hatte und war extrem gelöst. Die Glückshormone sind nur so aus mir heraus geschossen als ich erst einmal in Jamaika angekommen war. Die Ernüchterung folgte aber ziemlich schnell. Aus dem Job, den ich mir zuvor besorgt hatte, wurde nichts und es ist nicht so einfach mal eben schnell einen Neuen aufzutreiben. Man braucht eine Arbeitsgenehmigung, die man nur bekommt, wenn kein Jamaikaner den Job machen kann oder will. Als der zuständige Immigration Officer von meinen Plänen hörte, kippte die Stimmung ganz schnell. Er hat unsere Pässe beschlagnahmt und wollte uns mit der nächsten Maschine wieder nach Deutschland zurückschicken.

Was hat dich dazu bewogen es doch zu probieren?

Ich bin eher ein Kämpfertyp und gebe nicht so schnell auf. Ich wollte mir außerdem nicht die Blöße geben und direkt wieder nach Deutschland zurückgehen zu müssen. Ich bin für meine Auswanderungspläne eh schon belächelt worden.

Obwohl du doch eine Arbeitsgenehmigung erhalten hast, warst du vor Ort am absoluten Existenzminimum angelangt.

Das war eine harte Zeit. Meine Freundin und ich hatten nur noch ganz wenig Erspartes und mussten persönliche Sachen auf der Straße verkaufen. Hätten uns damals nicht ein paar liebe Menschen geholfen, wäre es sehr schnell vorbei gewesen. Ich hatte zwar einen Job bei einer Touristengesellschaft, doch als Trainee habe ich dort nicht viel verdient.

Dann kamen die Angebote mit den Drogendeals …

Wenn ich von meiner Arbeit nach Hause ging, musste ich immer an Tony vorbei. Der hat mich fortwährend wegen irgendwelcher Drogendeals zugequatscht, was mich immer genervt hat. Nun kann man natürlich sagen, dass ich ihm ja einfach aus dem Weg hätte gehen können, aber so funktioniert das eben nicht auf Jamaika. Nicht zu plaudern gilt dort als grob unhöflich. Tony hat jedenfalls nicht locker gelassen und irgendwann einen Laufburschen zu uns geschickt, der uns inständig bat doch mitzumachen. Irgendwann haben wir klein beigegeben und uns gesagt: "Wir können es uns ja wenigstens mal anhören". Damit fing alles an.

 

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