10.11.2013

Madsen

"Man darf sich nicht immer verrückt machen lassen."

Madsen
Interview: Bine + Stefan Üblacker / Foto: Ingo Pertramer

An einem heißen Tag im August trafen wir Sascha Madsen und Niko Maurer von Madsen am Ufer des Rheins in Bonn zum Interview. Wir wollten wissen, ob Madsen wirklich so lieb und entspannt sind, wie sie immer tun. Am Ende mussten wir feststellen: Ja, sind sie.

Madsen wirken immer so lieb, gibt es eigentlich auch Abgründe bei euch?

Sascha: Natürlich gibt es die. Wir sind uns nicht immer einig, aber wir behandeln uns stets mit viel Respekt und sind nicht die lautstarken, pöbelnden Typen. Wir sind alle vom Charakter her eher ruhig und versuchen Konflikte lieber ganz entspannt bei einem kühlen Bierchen und einem netten Grill zu lösen.
Niko: Die Aggressionen und überschüssigen Energien lassen wir lieber auf der Bühne raus. Die Abgründe liegen für uns eher in Themen wie den unsäglichen Castor-Transporten, Rechtsradikalismus, usw. ...

Ausfälle auf der Bühne oder Publikumsbeschimpfungen kommen also bei euch eher nicht vor?

Sascha: Warum sollten wir unser Publikum beschimpfen? Das sind die besten Menschen auf der ganzen Welt. Wenn ich es mir aber recht überlege weckt Niko schon Aggressionen in mir. Ich muss ihn dann manchmal einfach anschreien.

Wann treten diese Aggressionen auf?

Sascha: Sofort.
Niko: Meistens im Proberaum. Der kann halt nicht spielen und ich sag ihm das als Einziger immer (lacht).

Du bist also durchaus offen für konstruktive Kritik?

Sascha: Bei allen außer bei Niko (lacht). Da gibt's direkt auf's Maul.
Niko: Wir vertragen uns aber meistens ziemlich schnell.

Ich dachte, du wirkst eher ausgleichend gegenüber der Brüderfraktion?

Niko: Ich bin eher der Unruhestifter (lacht).

Habt ihr euch als Brüder Niko bewusst ausgesucht?

Sascha: Wir haben uns nicht gesucht, sondern gefunden. Wir haben zusammen jeweils schon in anderen Bands gespielt und irgendwann kam die Idee doch mal etwas zusammen zu machen.
Niko: Wir hatten auch nichts Besseres zu tun als Musik zu machen. Man kann ja nicht den ganzen Tag mit einer Dose Bier auf dem Marktplatz rumhängen …
Sascha: … doch, das geht.
Niko: Schon, aber wir haben inzwischen bei vielen aus unserem damaligen Bekanntenkreis gesehen, wie bitter das enden kann. Wir haben damals durch unsere Musik den Absprung geschafft.

Was macht man denn als Heranwachsender so im Wendland?

Niko: Nicht viel.
Sascha: Fahrrad fahren oder Nachtbaden. Ab und zu sind wir mal in die Disco gefahren, aber da gab's immer Stress einen Fahrer zu finden.
Niko: Die meisten Menschen ziehen eigentlich direkt nach dem Abi weg, die wenigsten bleiben dort. Das ist aber wohl das Schicksal jedes ländlichen Gebiets in Deutschland.

Wo zieht es einen dann hin?

Sascha: Berlin, Hamburg, Hannover. Ich glaube, das sind die Top 3. Vielleicht noch Lüneburg, wobei ich das nicht wirklich als Stadt zählen möchte.
Niko: Da ziehen halt die Leute hin, die zwar studieren, aber nicht so weit von Mama und Papa wegziehen wollen.

Wie lebt es sich eigentlich mit dem Gewissen, dass wenige Kilometer entfernt ein Zwischenlager mit Tonnen von radioaktivem Müll steht?

Sascha: Es ist ein Scheiß-Gefühl. Es handelt sich dabei um eine Wellblechhütte, die nicht sonderlich geschützt ist. Natürlich wissen wir, dass der Atommüll irgendwo hin muss, aber wir geben nicht auf uns zu beschweren, dass diese gesamte Atompolitik der letzte Scheiß ist.
Niko: Es muss wirklich nach Lösungen gesucht werden. Die Politik hat sich auf Gorleben als Endlager eingeschossen und das alleine kann es nicht sein. Diese so genannte Energiewende ist auch nichts mehr als eine einzige große Lüge, denn noch immer wird tagtäglich weiter fleißig Atommüll produziert.

Auf eurem aktuellen Album „Wo es beginnt“ finden sich zum ersten Mal in Songs wie „Baut wieder auf“ oder „Generation im Arsch“ auch politische Themen wieder. Wie kam es dazu?

Niko: Ich denke, dass es eine natürliche Entwicklung ist. Auf dem ersten Album waren die Texte noch sehr naiv und entsprachen einfach unserem damaligen Lebensgefühl. Mit dem Älter-werden denkt man halt über andere Themen nach.
Sascha: Sebastian war 17 als er „Panik“ geschrieben hat. Das Politische hat bei ihm jetzt eher unterbewusst in seinen Texten Einzug gehalten. Er schreibt seine Texte oft aus seiner aktuellen Gefühlslage heraus und weniger weil er sich konkret einem Thema widmen möchte.

„Generation im Arsch“ beschreibt eine bestimmte Spezies von Menschen, mit denen ihr wahrscheinlich auch sehr viel zu tun habt, oder?

Sascha: Ja, wir schließen uns da selber auch nicht aus. Wenn ich Madsen nicht hätte, wüsste ich ehrlich gesagt nicht, was ich machen sollte. Vielleicht würde ich etwas mit Medien machen (lacht).
Niko: Es ist ja nun mal so, dass viele Jugendliche nach dem Abi vor allem einen trendigen Beruf wie Fotograf, Grafiker, Programmierer o. ä. ergreifen wollen. Die altehrwürdigen Handwerksberufe sind ziemlich out geworden.
Sascha: Ja, bei vielen Berufen gibt es keinen Nachwuchs. Die sterben aus, weil es keiner mehr machen möchte.

 

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