04.05.2014

Marcus Wiebusch

"Man sollte seine Haltung nicht für die Distinktion aufgeben."

Marcus Wiebusch
Interview: Stefan Üblacker / Foto: Andreas Hornoff

Köln. Ein wahrer Schicksalstag. Ich freue mich sehr am Abend mit Marcus Wiebusch über sein erstes Soloalbum "Konfetti" reden zu können. Zuvor werde ich allerdings auf wahrlich harte Proben gestellt. Am frühen Morgen muss ich den Suizid eines Menschen am Bahngleis mit ansehen. Kurze Zeit später widerfährt mir auch noch ein schwerer Fahrradunfall. Mit blutbefleckten Hemd und blauen Augen treffe ich am Abend Marcus Wiebusch in der Lobby eines Hotels unweit des Kölner Hauptbahnhofs. Nachdem wir kurz über das mir Geschehene gesprochen haben, beginnt Marcus Wiebusch direkt das Gespräch, dass für kurze Zeit die Schmerzen bei mir etwas lindert.

Wie gefällt dir das Album?

Gut. Vor allem deswegen, weil es mich überrascht hat. Ich hatte natürlich aufgrund deiner Vorgeschichte ein gewisses Erwartungsbild im Kopf. Das Album hat mich aber doch positiv überrascht.

Sehr schön, das freut mich zu hören.

Wie kam es überhaupt zu dem Soloalbum?

Ehrlich gesagt habe ich die Kreativpause von Kettcar genau deswegen herbeigeführt. Der Gedanke ein eigenes Album zu machen hat sich während der Arbeiten zum letzten Kettcar-Album im Jahr 2011 bei mir bei mir festgesetzt. 2012 habe ich meinen Entschluß dann der Band mitgeteilt. Einem Teil der Band, wie meinem Bruder Lars, kam dies sehr entgegen. Er konnte auch nicht mehr, denn er hatte neben der Band viel mit seiner Fischräucherei zu tun. Dem anderen Teil der Band hat es in dem Moment vielleicht nicht so gut gefallen, aber ich denke, dass wir letztlich alle die Pause ganz gut gebrauchen konnten.

Das Album ist sehr facettenreich geworden. Du überrascht u. a. mit viel Sprechgesang. Haben Kollegen wie Casper hier einen Einfuss auf dich ausgeübt?

Casper war kein direkter Einfluss. In den 1990ern hatte ich mit But Alive... auch bereits Stücke aufgenommen, die Sprechgesang enthielten. Mir wurde schnell klar, dass ich ein sehr inhaltliches Soloalbum aufnehmen will. Es sollte weniger metaphorisch werden, sondern eher mit klareren Statements daher kommen. Die Texte sollten sich mit gesellschaftlichen Problemen auseinandersetzen und dabei kann ich oft viel Text produzieren. Der Sprechgesang, wie er bei "Ein Tag wird kommen" zu hören ist, war somit für mich naheliegend. Hinzu kommt, dass ich schon immer gerne Hip-Hop gehört habe, denn dort wird immer viel Wert auf das Wort gelegt, was meinen Stärken sehr entgegen kommt.

Bei Kettcar wurden genau diese Worte immer sehr auf die Goldwaage gelegt. Kann so ein Umgang nicht auch zu einer Schreibblockade führen?

Ich habe schon gemerkt, dass einige Menschen den Texten eine höhere Qualität als der Musik beigemessen haben. Einerseits denkt man: "Aber die Musik ist doch auch toll" (lacht), andererseits freut man sich natürlich darüber, dass den Texten soviel Relevanz beigemessen wird. Es ist ein zweischneidiges Schwert, aber das nehme ich gerne in Kauf.

Du hast schon den Song "Der Tag wird kommen" angesprochen. In dem Song geht es um Homosexualität im Fußball. Du hast ihn noch vor dem Outing vom ehemaligen Nationalspieler Thomas Hitzlsperger geschrieben. Wie kamst du auf das Thema?

Im September letzten Jahres bin ich nach einem Spiel des FC St. Pauli mit einem befreundeten Sportjournalisten ins Gespräch gekommen, in dem es um dieses Thema ging. Er berichtete mir von mehreren Profifußballern, die er persönlich kennt, und um deren Homosexualität er weiß. Diese führen laut seinen Ausführungen ein Höllenleben und ich finde es furchtbar, dass wir ein Klima haben, wo sich kein Spieler traut dies öffentlich zu machen. Das Thema hat mich seitdem nicht mehr losgelassen und so sehr beschäftigt, dass ich irgendwann wusste, dass ich darüber einen Song machen möchte. Hinzu kommt, dass auch mein Bruder Lars schwul ist und wir über dieses Thema auch heftig debattiert haben. Ich habe daraufhin viel recherchiert, mehrere Bücher gelesen und mich noch mal mit dem Sportjournalisten getroffen. Ich habe den Text dann dem ehemaligen Präsidenten vom FC St. Pauli und bekennenden Homosexuellen Corny Littmann zum Gegenchecken vorgelegt. Als dieser den Text abgefeiert hat, wusste ich, dass ich es wohl ganz gut getroffen hatte.

Mit dem Thema kann man sich auch ganz leicht verhauen.

Ja, das war mir auch bewusst und deswegen war mir die Gründlichkeit auch wichtig. Ich hasse es, wenn man sich als Stellvertreter einer Sache annimmt, von der man eigentlich keine Ahnung hat.

Wie findet dein Bruder den Song?

Der findet ihn super. Der Song ist zwar noch nicht so lange draußen, aber ich habe von der Homosexuellen-Community schon sehr viel positive Resonanz dazu erhalten. Es ist zwar ein bitterer Zustand, den ich dort kritisiere, aber den Meisten gefällt der Optimismus in dem Song. Ich glaube wirklich fest daran, dass der Tag kommen wird, wo einer den Mut hat sich zu outen und es gibt auch gute Gründe dafür dies zu glauben. Hättest du mir vor zehn Jahren gesagt, dass wir einen homosexuellen Außenminister haben, der in Länder reist, in denen Homosexualität unter Strafe steht, hätte ich das nicht für möglich gehalten. Aber auch dieses Feld wurde erobert. Warum soll das im Fußball nicht auch passieren?

Sagst du eigentlich lieber "schwul" oder "homosexuell"?

Mal so, mal so. Mein Bruder benutzt interessanterweise eher das Wort "schwul". Es gibt viele in der schwulen Szene, die lieber das Wort "schwul" benutzen. Vielleicht auch deswegen, weil sie es nicht einsehen wollen, dieses Wort den Idioten als negative Konnotation zu überlassen. Das finde ich auch gut. Vielleicht gelingt es auch irgendwann wieder dieses Wort davon zu befreien und bekannte Fußballer können da ein gutes Vorbild sein.

Fettes Brot haben einst mit "Schwule Mädchen" einen Hit gelandet.

Richtig und genau so offensiv muss man damit umgehen.

 

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