22.11.2013

Michael Lohrmann

"Es fiel mir sehr schwer GALORE loszulassen."

Michael Lohrmann
Interview: Stefan Üblacker / Foto: Jens Oellermann

Köln/Dortmund. Anfang Herbst machte die Nachricht die Runde, auf die viele Leute sehnsüchtig gewartet haben: Herausgeber Michael Lohrmann verkündete das Comeback des Interview-Magazins GALORE, dass im übrigen einen nicht unwesentlichen Einfluss auf dieses schöne Portal hier hatte. Zunächst soll es eine einmalige Best-Of-Ausgabe in Printform geben, später eigene Apps, die über In-App-Käufe die Möglichkeit bieten neue und alte Interviews zu lesen. Michael Lohrmann nimmt sich im Interview mit Interrobanga.com Zeit für ein Gespräch über das Gespräch und nimmt dabei sogar das verspätete Erscheinen an einem GALORE-Meeting in der Redaktion in Kauf.

Michael, kannst du dich noch an das erste Interview erinnern, dass du selber geführt hast?

Ja, das war Ende der 80er Jahre. Da habe ich habe den Sänger der Band Liar, einer aus Dortmund stammenden Hardrock-/Glamrock-Band, interviewt. Die waren nicht so populär und, in der Rückbetrachtung, auch nicht besonders gut. Ich war damals gerade 18 Jahre alt und wir sind zwei bis drei Stunden mit meinem Auto durch das Ruhrgebiet gefahren. Das Interview habe ich während der Fahrt geführt. Eigentlich war es mehr ein Gespräch auf Kumpel-Ebene, von einem stringenten Rahmen, wie man es von den GALORE Interviews kennt, war das wahrlich weit entfernt.

Gab es Interviews vor denen du richtig aufgeregt warst?

Eigentlich gab es kein Interview vor dem ich nicht aufgeregt war. Als ich noch selber Interviews geführt habe war ich noch sehr jung. In dem Alter ist man natürlich noch nicht so gelassen und abgeklärt, sondern eher angespannt. Ein bisschen Anspannung ist aber auch nicht schlecht um eine gewisse Leistung und Konzentration abrufen zu können.

Es schärft auch die Sinne.

Genau, man ist insgesamt aufmerksamer. Es ist natürlich auch immer etwas Besonderes, wenn man Menschen trifft, deren Kunst oder Arbeit man besonders wertschätzt. Ich durfte Anfang der 1990er Kurt Cobain interviewen. Da ist man natürlich im Vorfeld noch etwas angespannter als üblich. Es ist aber schön, dass sich diese Anspannung meist relativ schnell legt, wenn man während des Gesprächs feststellt, dass einem ganz normale Leute gegenüber sitzen und man sich einfach nur gut unterhält.

Woran machst du ein gutes Interview fest?

Ich finde es immer gut, wenn sich der Gesprächspartner im Interview auch selber ein bisschen reflektiert. Wenn man es als Interviewer schafft ihn dahin zu bringen, erhält man oft Antworten, die über das bereits Bekannte hinausgehen, tiefere Einblicke gewährleisten und seine Persönlichkeit ein Stück entlarven. Es schadet nicht den Gesprächspartner zu fordern und ihm aufzuzeigen, dass es kein 08/15 Interview über das neue Buch/den neuen Film/die neue Platte werden soll. Viele unserer Autoren bestätigen uns, dass so ein Gespräch den Leuten oft selber viel mehr Spaß bereitet. Die Leute honorieren es, wenn sie merken, dass man sich Mühe gibt und versucht, den Gegenüber etwas aus der Reserve zu locken. Es gibt natürlich auch Gesprächspartner, die dazu überhaupt keine Lust haben und denen es am Ende völlig egal ist, ob du dir bei der Interviewführung Mühe gibst oder nicht.

Ich muss gerade an den jüngst verstorbenen Lou Reed denken, der als extrem schwieriger Gesprächspartner bekannt war.

Wir haben ihn mit in die Best-Of-Ausgabe der GALORE genommen, da Lou Reed für diese Spezies Gesprächspartner ein tolles Beispiel war. Er war in der Tat ein kauziger und streitbarer Zeitgenosse. Das muss aber nicht gleich schlecht sein, denn er hatte wenigstens den Mut und die Qualität sich so zu zeigen, wie er ist und keine Angst davor als „Arsch“ wegzukommen. Soetwas sagt ja ebenfalls sehr viel über eine Persönlichkeit aus.

Bei international bekannten Künstlern bleiben oft nur 20-30 Minuten Zeit für ein Interview. Ist es bei so einem knappen Zeitfenster überhaupt möglich hinter die Fassade eines Menschen zu blicken?

Aus meiner Sicht nicht und deswegen lehnen wir Gespräche unter 30 Minuten auch ab. Im Regelfall veranschlagen wir 60-90 Minuten Zeit für ein Interview, wir sind aber realistisch genug und fordern solche Bedingungen nicht kompromislos bei Ikonen wie z. Bsp. Al Pacino ein, wo man nüchtern betrachtet auch mal froh sein darf, die Mindestzeit von 30 Minuten zu bekommen. Davon ab: man kann ein super Gespräch in 30 Minuten führen, wenn der Flow und die Chemie zwischen den Gesprächspartnern stimmen.

Wie oft kam es schon bei euch vor, dass ihr von einer Veröffentlichung eines Interviews in der GALORE Abstand genommen habt?

Wir haben in der gesamten GALORE Schaffensphase über 1.100 Interviews publiziert und dabei aber rund 1.400 Interviews geführt. Die 300 aussortierten Interviews haben letztlich einfach nicht unseren eigenen Ansprüchen genügt. GALORE steht für eine gewisse Qualität, und wenn wir diese Qualitätskriterien nicht erfüllt sehen, veröffentlichen wir das Gespräch nicht.

In der Vergangenheit war es in GALORE üblich, dass ihr dem Interview immer ein Zitat aus dem Gespräch vorangestellt habt. Welche Auflagen muss ein solches Zitat erfüllen, damit ihm diese Ehre zuteil wird?

Ein Zitat soll die Aufgabe haben den Leser neugierig zu machen und in den Text hineinzuziehen – abgesehen davon sehen sie auch optisch gut aus. Es sollte im besten Fall kurz und knapp sein, in wenigen Worten viel aussagen und aufhorchen lassen. Es ist prima, wenn ein Statement dies erfüllt. Ich habe aber auch schon Interviews von uns gelesen, wo es sehr schwer war ein gutes Zitat herauszuziehen. Das lässt aber nicht unbedingt auf die Qualität des Textes schließen. Manchmal ist es einfach so, dass in einem richtig guten Interview kein gutes, knackiges Zitat enthalten ist, auch wenn das eher die Ausnahme ist.

 

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