22.11.2013

Michael Lohrmann

"Es fiel mir sehr schwer GALORE loszulassen."

Michael Lohrmann
Interview: Stefan Üblacker / Foto: Jens Oellermann

Der Fokus liegt bei euch nicht nur auf Persönlichkeiten aus der Kultur. Wie wählt ihr eure Gesprächspartner aus?

Wir haben insgesamt sieben Cluster: Musik, Film, Kunst, Politik, Sport, Gesellschaft und Literatur. Natürlich gibt es dabei Artverwandtschaften. Wir haben in den zurückliegenden Printausgaben bei der Auswahl der Gesprächspartner aber nie darauf gedachtet, dass jedes Cluster gleich gewichtet wird. Bei der Auswahl zu unserer Best-Of-Ausgabe haben wir vor allem den Aspekt der Zeitlosigkeit berücksichtigt.

Auf eurer Homepage habt ihr bereits verkündet, dass GALORE neben der einmaligen Best-Of-Ausgabe in Printform ab dem 06. Dezember als App und über die Homepage erreichbar sein wird. Was erwartet hier die Leser?

Die Leser können sich zum Start auf ein Archiv von über 450 Interviews aus über zehn Jahren GALORE freuen, die wir noch einmal gründlich überarbeitet haben. Außerdem werden zum Start der Apps 20 neue Interviews mit dabei sein. Im Monatsrhythmus werden wir dann neue Interviews publizieren.

Wenn du auf die zurückliegenden GALORE-Jahre blickst: Was waren deine persönlichen Highlights?

Das ist eine schwierige Frage. Ich bin der Ansicht, dass GALORE immer sehr gut über die Interviews funktioniert hat, die aus dem Gesellschaftskontext kamen. Ich erinnere mich gerne an das Interview mit Attila Ambrus – ein Gangster, der im Knast eingesessen hat. So etwas liest man nicht aller Tage und solche Geschichten empfand ich immer als sehr belebend. Von den populären Personen erinnere ich mich gerne an die Gespräche mit John Peel, Lou Reed oder Jörg Immendorff. Diese Herren, die ja leider nicht mehr unter den Lebenden weilen, haben in diesen Gesprächen sehr viel von ihrer Persönlichkeit preisgegeben und bleiben mir deswegen in sehr lebendiger Erinnerung. Es wäre allerdings unfair von mir weitere Namen zu nennen, ansonsten würde ich anderen ebenso hervorragenden Interviewpartnern Unrecht tun.

Wie geht die Veröffentlichung eines Interviews bei Ihnen vonstatten? Holen Sie noch Freigaben von den Interviewpartnern ein oder veröffentlichen sie direkt?

Das ist immer eine Frage der Verabredung. Wir haben in der GALORE-Schaffensphase festgestellt, dass uns internationale Künstler bzw. Gesprächspartner oftmals sehr viele Freiheiten gegeben haben. Bei deutschen Künstlern, insbesondere Schauspielern, haben wir das hingegen oft anders erlebt. Ich finde es auch völlig legitim, dass der Gesprächspartner den Text noch einmal gegenlesen möchte. So können Verständnisfehler vermieden werden, von denen sich kein Journalist freisprechen kann. Problematisch wird es erst, wenn der Interviewpartner im Gespräch getätigte Aussagen zurücknehmen möchte. Wenn es keine triftigen Gründe für diese Änderungen gibt, lassen wir uns auf so etwas nicht ein.

Wie kam es jetzt überhaupt zum Comeback von GALORE?

Wir haben es immer sehr bedauert, dass wir GALORE einstellen mussten. Es war damals leider alternativlos, da die wirtschaftlichen Gründe keine andere Möglichkeit zugelassen haben. Die Marke GALORE verschwand aber nie aus unseren Köpfen. Wir haben seit der Einstellung unzählige Mails bekommen, die diese Entscheidung ebenfalls bedauert haben und uns ermutigt haben es noch einmal zu probieren. Ich konnte mich nur nicht dazu durchringen dem nachzugeben, da wir mit unserem Musikmagazin VISIONS auch noch ein großes Pferd im Stall haben, was viele Ressourcen in Anspruch nimmt.

Wie kam es jetzt zum Umdenken?

Dadurch, dass ich mittlerweile das Gefühl habe, dass es bei den Leuten eine gewisse Bereitschaft gibt, für Inhalte im Netz oder in Apps Geld zu bezahlen. Die Erkenntnis, dass nicht alles gratis funktionieren kann, setzt sich offenbar immer mehr durch. Wir können natürlich nicht sicher sein, dass es auch so klappt, wie wir uns das vorstellen, aber ich habe zumindest ein gutes Gefühl dabei. Das Feedback auf die Meldung, dass GALORE wieder kommt, war in jeden Fall sehr vielversprechend. Und ich denke, dass sich das mit dem Erscheinen der Best-Of-Ausgabe noch einmal potenzieren wird. Wir werden sehen wie weit die Wertschätzung der GALORE-Liebhaber geht, wenn die App startet und die Inhalte dann gegen Bezahlung online erhältlich sein werden. Da wir keine Erfahrungswerte haben ist es für uns alle eine Reise ins Ungewisse.

Nach dem Aus der Printausgabe war GALORE noch für eine kurze Zeit als Online- Interview-Portal mit täglich neuen Interviews erreichbar. Warum hat es seinerzeit nicht funktioniert?

An den Zugriffszahlen hat es nicht gelegen, denn die waren super. Wir hatten uns aber durch die Online-Version in eine totale Abhängigkeit von dem Verkauf von Online-Bannerwerbung manövriert. Die Erlöse, die man mit Online-Bannerwerbung bei solchen Special-Interest-Portalen erzielen kann, sind jedoch so marginal, dass sie den finanziellen Aufwand nicht auffangen können. Das war damals leider eine Fehleinschätzung von mir, die ich mir ankreiden muss. Im Nachhinein muss man sehen, dass es so nicht funktionieren konnte. Sicherlich hat mich da auch ein Stück weit die Melancholie verblendet, denn es fiel mir sehr schwer GALORE loszulassen.

Kann man das alte GALORE.de mit dem neuen noch in irgendeiner Form vergleichen?

Inhaltlich sicherlich, ansonsten aber nein, weil das neue GALORE.de bzw. die Apps komplett werbefrei sein werden. Das ist vor allem ein Projekt für Menschen, die sich für Inhalte interessieren. Seitdem GALORE.de damals eingestellt worden ist, sind annähernd fünf Jahre vergangen. In diesen fünf Jahren hat sich im Nutzer-Verhalten und -Verständnis viel verändert. Ich glaube, dass wir viele Leute mit der neuen Idee hinter GALORE begeistern können.

 

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