04.07.2013

Micki Meuser

"Wir sind Kulturmasochisten!"

Micki Meuser
Interview: Stefan Üblacker / Foto: Angelina Maasch

Bonn/Berlin. Micki Meuser kennt die Musikbranche aus dem Eff-Eff. Er ist selbst Musiker, Komponist von Filmmusik und hat erfolgreich als Produzent gearbeitet. Seit einiger Zeit ist er als Vorsitzender der Filmkomponisten in Deutschland auch sehr aktiv, wenn es um die Rechte der Künstler geht. Am Ostermontag sprachen wir mit ihm am Telefon über das Leben in Berlin, die Fehler der Musikbranche und den ewigen Kampf David gegen Goliath, hier die in der GEMA zusammengeschlossenen Musikautoren gegen die IT-Branche.

Micki, du bist gebürtiger Rheinländer und wohnst seit einiger Zeit in Berlin. Hast du dich inzwischen mit der Stadt angefreundet oder ist es mehr eine Hassliebe?

Ich fühle mich in Berlin sehr wohl - die Stadt ist eine richtige Metropole. Ich habe mich mit Berlin inzwischen sehr gut angefreundet. Ich wohne in Tegel im Nordwesten und wenn ich mal etwas im Südosten, zum Beispiel in Kreuzberg, zu tun habe, fahre ich selten über die Autobahn, sondern durch die Stadt. Man fährt innerhalb weniger Kilometer durch ganz verschiedene Welten, und alle mit besonderen Energien und vor allem viel Relevanz: Kreuzberg, Friedrichshain, Gendarmenmarkt, am Regierungsviertel vorbei, durch Charlottenburg und den Wedding. Ich habe dann einfach das Gefühl, dass ich durch das blühende Leben fahre. Ich muss aber auch dazu sagen, dass ich schon oft und länger zu Produktionen und Konzerten in Berlin war und die Stadt schon gut kannte.

Wie kamst du ausgerechnet nach Tegel?

Meine Freundin ist Urberlinerin und hat Tegel wärmstens empfohlen. Ich habe immer gedacht, dass ich nach Charlottenburg, Tiergarten oder Schöneberg ziehe, wenn ich mal nach Berlin gehe. Ich wollte nicht zum Prenzlauer Berg oder nach Mitte und auch Kreuzberg war mir zu …

… hipp?

Ja, zu klischeehaft künstlerisch. Dieses Tegel hier ist ganz schön. Es gibt den Tegeler See und den Tegeler Forst, wo man wunderbar spazieren gehen kann, dann die Tegeler Markthallen. Hier kann man super leben. Das wusste ich vorher auch noch nicht, aber dafür muss man wohl erstmal eine richtige Berlinerin kennen lernen.

Du hältst Berlin für eine richtige Metropole. Was sind für dich falsche Metropolen?

Es gibt so Städte, die würden gerne Metropole sein, sind es aber nicht. Oft haben die dann, psychologisch ausgedrückt, als Stadt so eine Art Minderwertigkeitskomplex. Die Bewohner solcher Städte müssen immer über ihre Stadt singen und behaupten, ihre Stadt wäre so toll, ihr Fußballverein wäre der Beste, ihr Wasser wäre gut und sie würden bestimmte Gebäude in der Stadt lassen. Komisch, dass man das so lautstark verkünden muss? Nun gut, ich möchte jetzt aber keine Namen nennen (lacht).

Worin liegen für dich die Hauptbeweggründe der Menschen, die nach Berlin ziehen?

Berlin steht für Kultur, sowohl für traditionelle als auch moderne. Die Menschen zieht es wegen der Kreativität der vielen Künstlerinnen und Künstler hierher. Wo Kreative sind, steigt der Wert einer Stadt, ihrer Immobilien und auch die Profite der Gastronomie. Da kann die Stadt selbst ruhig de facto pleite sein. Natürlich hat sich Berlin aber auch ein extrem trendiges Image geschaffen. Ich sag nur: Be Berlin.

Die Stadt war schon Ende der 1970er / Anfang der 1980er Jahre Anziehungspunkt für große Künstler wie David Bowie oder Depeche Mode. Diese Leute haben gerne im Hansastudio aufgenommen. Worin liegt das Besondere dieses Ortes?

Künstler wie David Bowie, Depeche Mode, Killing Joke oder U2 haben gerne im Hansastudio aufgenommen, da sie die Akustik von Raum 2 - ein ganz alter Konzertsaal - großartig fanden. Der klingt auch wirklich legendär. Leider dient er nicht mehr als Aufnahmeraum.

Ist es dein Lieblingsstudio?

Es ist bestimmt das Studio, in dem ich am meisten gearbeitet habe. Allerdings mache ich heute fast alles in meinem Heim-Studio. Zum einen gehört es mir und zum anderen ist der technische Fortschritt so gewaltig nach vorne gegangen, dass ich auf den zwei Laptops, mit denen ich hier arbeite, sehr viel mehr machen kann, als damals im Hansastudio machbar war. Die geniale Akustik von Raum 2 kann ich jedoch leider nicht auf das Laptop übertragen.

Wie würdest du dich als Produzent beschreiben?

Meine Herangehensweise war immer, dass ich Künstlerproduktionen als eine Art Ego-Transport gesehen habe. Ich habe gerne mit Künstlern gearbeitet, die zu ihrem Talent und ihrer Begabung einen starken Vorwärtsdrang hatten und an die Spitze wollten. Ich habe versucht ihre Stärken heraus zu arbeiten und ihnen die Technik, die oft behindert, vom Hals gehalten. Ich wollte sie mit meiner Erfahrung und ein paar verrückten Ideen dahin bringen, wo sie hin wollten. Wenn sie nirgendwo hin wollten und einfach mal nur ein bisschen Musik machen wollten, konnte ich sie auch nicht weiterbringen bzw. habe auch gar nicht erst mit ihnen gearbeitet.

Gab es den Vorfall, dass du Aufnahmeprozesse einfach abgebrochen hast?

Nein, das habe ich noch nie. Wenn ich eine Aufnahme angefangen habe, habe ich sie auch zu Ende gemacht. Hinterher habe ich mir aber schon öfters gesagt: „Das muss ich nicht mehr haben“. Es ist auch vorgekommen, dass Künstler in Misserfolgsfällen gesagt haben: „Mit Micki Meuser muss ich nicht mehr arbeiten“. Das sei ihnen gegönnt. Manchmal passt es eben einfach nicht. Und ehrlich gesagt, viele Künstler machen sich unrealistische Vorstellungen von dem, was sie als Newcomer in der Musikbranche erreichen können. Da gehört schon viel Glück dazu.

Du warst in den 1980ern ziemlich am Zeitgeist dran, hast mit Ina Deter, den Ärzten, Ideal und sogar in der damaligen DDR mit Silly gearbeitet. Wie bist du da reingerutscht?

Dass ich mit Silly 1986 in der DDR gearbeitet habe, hatte seinen Grund ein paar Jahre vorher. Die Plattenfirma CBS hat mich damals gefragt, ob ich eine Künstlerin namens Bettina Wegner produzieren wolle. Die kam gerade aus der DDR und hatte damals mit „Sind so kleine Hände“ ihren großen Hit. Der war aber nur akustisch und mit Gitarre begleitet. Man wollte die ein bisschen …

… aufpeppen?

Ja, aufpeppen ist das richtige Wort, oder aufpoppen in Richtung Pop (lacht). Die CBS hat mir den Auftrag gegeben als Produzent mit ihr ins Hansastudio zu gehen und ihre Lieder mit einer Band aufzunehmen und zu produzieren. Das habe ich gemacht und das Ergebnis landete direkt in den Charts, und so etwas ist natürlich die beste Empfehlung, die du haben kannst. Bald darauf habe ich weitere Erfolge mit Ideal und Ina Deter gefeiert und der Stein kam weiter ins Rollen. Dann war es nur logisch, dass CBS mich auch wieder für Silly anfragte.

 

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