04.07.2013

Micki Meuser

"Wir sind Kulturmasochisten!"

Micki Meuser
Interview: Stefan Üblacker / Foto: Angelina Maasch

Die Musiklandschaft aus den 1980ern hat sich gegenüber heute grundlegend verändert. Wie kann man heute noch als Künstler existieren?

Ein Riesenunterschied zu damals ist, dass nicht der Produzent das Geld aufgebracht hat, sondern die Plattenfirma. Der Produzent war damals eine Art Musik-Regisseur und Mittler zwischen Künstler und Plattenfirma. Das ist er zwar immer noch, aber die Finanzierung hat sich grundlegend geändert. Der Produzent bekam für seine Arbeit einen verrechenbaren Vorschuss auf die zu erwartenden Verkäufe. Die Tonträgerbranche hat nicht mehr das Geld, sich so etwas leisten zu können. Die Musikproduzenten müssen heute auf eigene Kappe arbeiten und erst mal investieren. Ich bin ja noch bereit das zu machen, aber auf der anderen Seite werden am Ende selbst im Erfolgsfall nur noch ca. 10 - 20 % der Stückzahlen der 80er Jahre von den produzierten Tonträgern verkauft. Für mich war das irgendwann keine Grundlage mehr, weil ich selbst bei großem Erfolg des produzierten Künstlers nicht mehr so viele Einnahmen hatte, dass ich meine Arbeit davon bezahlen konnte.

Der Künstler hingegen, wenn man mit ihm in den Erfolg gearbeitet hat, spielt dann ein Konzert und nimmt an einem Abend soviel ein, wie du als Produzent für vielleicht ein Jahr Produktions-Arbeit bekommst. Es gibt Plattenfirmen und Produzenten, die lassen sich deshalb an den Konzerteinnahmen beteiligen. Der Fachjargon heisst 360 Grad Modell. Da ich das nicht ganz in Ordnung finde, machte Produzieren für mich keinen Sinn mehr. Man konnte eigentlich schon Mitte der 90er Jahre als Produzent nicht mehr davon leben und ich meine damit kein prunkvoll verschwenderisches Leben.

Was war für dich der schlimmste Fehler, den die Musikindustrie in der Vergangenheit begangen hat?

Die Frage ist: Will man es sich so einfach machen? Die Tonträgerverkäufe sind in den letzten 20 Jahren extrem gefallen - da muss die Musikindustrie schlimme Fehler begangen haben. Aber jeder hat da wohl seine eigene Theorie. Die Musikindustrie selbst sagt, dass ihr durch Raubkopien und illegale Downloads viel Schaden zugefügt wurde. Das ist de facto richtig. Die Musikbranche ist von den 1980ern an bis heute auf die eben erwähnten 10 - 20 Prozent ihres einstigen Volumens geschrumpft. Für mich als Produzent heißt das, wie eben schon beschrieben: Du machst dieselbe Arbeit und bekommst nur 10 Prozent deiner Einnahmen. Das würde jedem, der arbeitet nicht gefallen. Man kann da aber natürlich zumindest eine Mitschuld bei der Tonträgerbranche sehen: Die illegalen Downloads waren auch deswegen so attraktiv, weil die Preise zu hoch waren. Die Musikbranche hat nicht, so wie es jede andere wirtschaftliche Branche tut, wenn es Konkurrenz gibt, die Preise gesenkt um konkurrenzfähig zu bleiben. Man hätte es durchaus tun können, denn es waren große Margen drin. Man hätte auch die Plattenfirmen verkleinern können, denn sie hatten oft riesige Wasserköpfe an Beschäftigten. Im Niedergang musste man das dann später sowieso tun. Ich bin übrigens nicht der immer wieder geäusserten Meinung, dass die Musikbranche das Internet oder die digitalen Medien komplett verschlafen hat. Gerade in letzter Zeit haben wir dazu noch mal recherchiert. Es gibt historische Erfassungen über mehrere frühe Versuche von Online-Stores und digitalen Vertrieben. Doch was willst du machen, wenn du geschäftlich gegen etwas konkurrieren musst, das von der Kopierqualität genauso gut ist, wie das Original, sofort verfügbar ist und nichts kostet. Dagegen kann man nur sehr schwer Geschäftsmodelle entwickeln.

Das sind aber nicht die einzigen Versäumnisse der Branche …

Na gut, bashen wir auf die Tonträgerbranche: Es gibt noch etwas, für das man die Musikbranche kritisieren kann. Sie hat sich fast ausschliesslich an Themen orientiert, die für Leute von 10 - 25 Jahren interessant sind und nur diese Themen im Marketing entwickelt und beworben. Diese junge Zielgruppe benötigt jedoch dauernd ein neues, cooles Image, d. h. die Werbung wird immens teuer und für die Künstler wird es ganz schwierig immer up-to-date zu bleiben. Außerdem bedienen sich gerade die jungen Menschen auf dem illegalen Markt. Zum Teil verständlich, da sie auch weniger Geld haben. Wenn man früher angefangen hätte, etwas für Leute von 25 - 60 Jahren zu entwickeln, hätte man einen stabileren Markt gehabt. Diese Leute wollen etwas Haptisches haben, die wollen z. B. in einem wertigen Booklet blättern, während sie die Musik auf ihren teuren Stereoanlagen hören. Und das lassen sie sich auch gerne etwas kosten. Diesen Markt hätte man besser erschließen können. Das ist von den Plattenfirmen völlig verpennt worden, bis auf ein paar wenige Ausnahmen.

Vielleicht haben sie es bewusst verpennt, da dies oft nicht gerade hippe Themen sind?

Sicher, da kommen nicht immer die coolsten Sachen bei raus, aber man muss dann auch mal den Mut haben und über seinen Schatten springen. Wir reden über die geschäftliche nicht die künstlerische Seite von Plattenfirmen. Das sind ja, wie allseits bekannt, auf der anderen Seite keine modischen Wohltätigkeitsvereine. Die Geschäftsleute in der Tonträgerbranche wollten selbst immer besonders hipp sein, mindestens genauso, wie ihre Künstler. Aber eine hippe Zielgruppe ist nicht unbedingt eine zahlkräftige. Das wurde halt bestraft. Das wirtschaftliche Konzept war von den Zielgruppen her riskant.

In Deutschland wird immer wieder über den deutschen Anteil im Radio gesprochen. Würdest du eine entsprechende Quote unterstützen?

Es gibt eine Quote in Frankreich, Kanada und in Australien und nach Einführung dieser Quoten ist die Musikbranche des jeweiligen Landes fast explodiert. Das hat viele Nachwuchskünstler gefördert und einigen die ersten Schritte ermöglicht, die später weltweite Stars wurden. Ich bin aber in Deutschland nicht für eine politische, also eine Quoten Regulierung von oben, sondern ganz stark dafür, dass zunächst mal die Redakteure in unseren öffentlich-rechtlichen Sendestationen sich viel mehr ihrer Verantwortung für Kultur, und vor allem für Jugendkultur, in unserer Gesellschaft bewusst werden. Junge Menschen, die kreativ arbeiten und gut sind, sollten eine Pipeline zu ihrer eigenen Gesellschaft haben. Das haben sie in allen Ländern der Welt. Wer gute, besondere oder verrückte Musik macht, sollte gespielt werden und so seiner eigenen „Society“ vorgestellt werden. In Deutschland gibt es das nicht. Es wird im Moment zwar ein bisschen besser, und das macht Hoffnung, aber das kann sich ganz schnell wieder ändern. Die Redakteure in den öffentlich-rechtlichen Sendern haben einen deutschen Kulturauftrag, denn sie werden durch deutsche Gelder finanziert. Demnächst noch mehr durch die seit Anfang des Jahres erhobene GEZ Haushaltsabgabe. Ich halte es für ihre Pflicht jungen Menschen dieses Landes die Möglichkeit zu geben sich kulturell darzustellen. Das ist meines Erachtens nicht annähernd der Fall.

Meinst du, man kommt nur mit einem bloßen Appell weiter?

Ich bin wie gesagt kein Regulierer-Typ, aber ich finde auch nicht, dass wir einen Anteil von 80 % an anglo-amerikanischen Werken in öffentlich-rechtlichen, von unseren Gebühren finanzierten Anstalten haben müssen. 80 % !!! Das sind die jetzt vorliegenden Zahlen der öffentlich-rechtlichen Radiostationen. Bei den Privaten ist das dann übrigens noch weit mehr. Wir sind Kulturmasochisten! Wir gehen ganz schlimm mit unserer eigenen Kultur und mit unserer eigenen kreativen Jugend um. Das geht so nicht und wird auf Dauer der Gesellschaft nicht gerecht. Übrigens um eins klar zu stellen: Ich will das nicht nationalistisch verstanden wissen. Es geht hier um Chancengleichheit bei Kultur. Damit meine ich nicht deutschsprachige Musik und ganz sicher nicht Schlager, es kann meinetwegen auch Französisch, Englisch oder Kisuaheli gesungen sein. Es sollte aber mehr von Kreativen aus Deutschland gespielt werden. Kommen wir mit einem bloßen Appell weiter? Das ist der einzige Weg, der in Deutschland gehen wird. Alles Andere bekommt bei uns immer noch den Geschmack von Nationalismus und Patriotismus.

 

 zurück    weiterlesen 

 
 





 
Milow
"We Must Be Crazy"

"Flüchtlinge werden nicht als Subjekte, sondern als Objekte behandelt."
Günter Burkhardt

Kraftklub
Nena
Jonny Two Bags
Donots
SWISS und die Andern
Jan Plewka
Farin Urlaub
Dr. Ring Ding
Niels Frevert
Bela B