24.08.2014

Niels Frevert

"Ich mag Worte, die man nicht zwangsläufig in Popsongs erwartet."

Niels Frevert
Fotos: Erik Weiss / Interview: Stefan Üblacker

Köln/Hamburg. Es ist der Donnerstag nach dem inzwischen schon legendären WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Brasilien. Ich spreche mit Niels Frevert über sein inzwischen fünftes Album "Das Paradies der gefälschten Dinge". Die Liebe zur Musik ist für den ehemaligen Sänger der Band Nationalgalerie ein Herzensangelegenheit. Das war nicht immer so, wie das Gespräch zeigt. Es ist schon ein bisschen uncool, aber die erste Frage musste einfach über das Brasilien-Spiel gehen.

Niels, was hast du am Dienstag Abend gegen 22.30 Uhr gemacht?

Ich habe tatsächlich das WM-Halbfinale gegen Brasilien geschaut. Ich war mit ein paar Kumpels bei einem Freund, der sich extra für diese WM einen neuen HD Fernseher gekauft hat. So habe ich noch nie zuvor Fußball gesehen. Wir haben nach dem 5:0 für Deutschland auch gar nicht mehr gejubelt. Da herrschte nur noch Stille. Ich denke, es war allen sehr unangenehm (lacht). Es war ein sehr lustiger Abend.

Ich selber wurde mit dem Spielverlauf auch irgendwie sprach- und fassungslos.

Fassungslos war ich nicht. Ich betrachte Fußball mit viel Humor - sonst könnte ich mir das nicht ansehen. Wir hatten eher Mitleid mit dem brasilianischen Team und der brasilianischen Nation und dachten: "Jetzt bloß nicht so ein Scheiß Tor".

Es war schon sehr unhöflich dem Gastgeber gegenüber.

Genau.

Die Toten Hosen haben in einem Lied die Zeile „Wenn wir an Götter glauben, dann tragen sie Trikot“. Du lässt auf deinem neuen Album ein UFO über dem Kirchentag erscheinen. Wie sieht's bei dir mit dem Glauben aus?

Genau darum geht es in dem Lied. Es ist ein Hin und Her bei mir. Vor ein bis zwei Jahren fand in Hamburg der Kirchentag statt und die ganze Stadt war voll mit Christen. Da blieb mir als Songschreiber gar nichts anderes übrig als den Notizblock zu zücken (lacht), da es so ein surreales Erlebnis war.

Was war für dich surreal?

Zum einen denke ich mir, dass diese Leute schon die richtigen Ziele und friedliche Absichten verfolgen. Zum anderen fühle ich mich trotzdem dort nicht zugehörig. Genau über diese innerliche Zerrissenheit geht es in meinem Lied.

Ist dieses fehlende Zugehörigkeitsgefühl bei dir auch in anderen Lebenslagen ausgeprägt?

Ich tue mich generell schwer mich einer Sache anzuschließen. Große Gemeinschaften sind nicht mein Ding. Ich habe schon Schwierigkeiten, wenn ich mit großer Besetzung auf Tour bin. Ich bin auch gerne alleine auf Tour und bestimme meine Tage selbst.

Ein typisches Einzelkind bist du aber nicht, oder?

Negativ. Das nimmt bei mir auch keine therapeutischen Ausmaße an. Es ist eher eine Tendenz, die ich bei mir feststelle. Es ist auch kein allzu tiefer Blick in meine Seele, den ich dir da gebe.

Du hast eben schon den Notizblock als ständigen Begleiter erwähnt. Sind bei dir als Künstler immer alle Antennen ausgefahren oder hast du auch Phasen, wo du nichts aufnimmst?

In dem letzten Jahr bevor eine Platte rauskommt bin ich permanent auf Empfang geschaltet. Ich tauche dann tief in die Materie und die Details ein. Ich reflektiere in dieser Phase alles sehr genau. Eine Albumproduktion nimmt bei mir sehr viel Platz ein.

Wird die innerliche Festplatte bei dir nach jeder fertigen Produktion gelöscht oder behältst du gar Dinge für Folgeveröffentlichungen über?

Gute Frage, denn dieses Bild von der Festplatte benutze ich selber sehr gerne. Ich kann meine Festplatte jedoch nicht unmittelbar nach Abschluss eines Albums komplett löschen, fange aber direkt damit an. Andernfalls hätte ich keinen Platz für neue Ideen. Ich bin nicht der Allerschnellste und brauche immer etwas Zeit. Ich mache mir jetzt schon Gedanken über neue Songs. Ich genieße auch den Moment am Anfang einer Albumproduktion, wenn ich einfach nur vor mich hinspiele und ab und an das Diktiergerät einschalte. Je näher dann der Aufnahmezeitraum rückt desto ernster wird die Angelegenheit. Wenn ich, so wie jetzt, gerade eine Platte fertiggestellt habe, habe ich das Gefühl, dass ich nur so aus Spass vor mich hinspielen kann.

So mal eben nebenbei Songs schreiben und eine Platte aufnehmen funktioniert demnach nicht bei dir?

Nein, so funktioniere ich nicht. Zu Zeiten von Nationalgalerie habe ich mal anders funktioniert. Dort haben wir vier Platten in fünf Jahren rausgebracht. Das ging auch, aber ich habe mich danach neu aufgestellt und mache seitdem bewusster Musik. Ich habe das Musikmachen noch mal neu für mich entdeckt. Ich habe mir geschworen nur noch Platten herauszubringen, bei denen ich mir sehr sicher bin, dass sie mir in ein paar Jahren auch noch gefallen werden. Ich habe auch gemerkt, dass ich viel näher an das gewünschte Ergebnis komme, wenn ich mir mehr Zeit nehme. Das ist auch ein Hauptantrieb für mich beim Musikmachen: Ich möchte eine Platte so aufnehmen, wie ich zuvor in meinem Kopf hatte. Bei der Nationalgalerie hatte ich nie dieses Gefühl. Da war ich mit dem Endergebnis nie so richtig glücklich. Wahrscheinlich sind das aber auch Erfahrungswerte, die man mit der Zeit sammelt.

Ist es für dich jetzt auch klarer erkennbar, wo noch etwas bei einem Song fehlt?

Ja, das glaube ich schon. Außerdem habe ich mit meinem Produzenten Stephan Gade, der mit mir zusammen die Platten aufnimmt, jemanden an meiner Seite, mit dem ich mich sehr gut darüber austauschen kann. Wahrscheinlich haben wir die gleichen Platten im Schrank und sind so eine Art musikalisches Ehepaar (lacht). Seine Meinung bedeutet mir jedenfalls sehr viel.

 

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