03.09.2005

Olli Schulz

"Hinter jeder humoristischen Sache steckt auch etwas Tragisches"

Olli Schulz
Interview: Stefan Üblacker / Foto: Heiko Richard

Köln. Ein schöner Spätsommer-Abend. Vor dem Gebäude 9, wo Olli mit seiner Band am gleichen Abend einmal mehr eine überzeugende Show hinlegt, treffe ich Olli Schulz zum Interview. Die anfängliche Müdigkeit weicht schnell dem Redefluss, der auch seine Konzerte berühmt und berüchtigt macht.

Wie geht's?

Eigentlich ganz gut gerade. Wir sind wieder auf Tour, was immer ein schönes Gefühl ist, auch wenn ich vielleicht gerade etwas müde bin.

Ich habe eine Geschichte von dir gehört, wo du mit einer Gitarre bewaffnet die Hamburger U-Bahn unsicher gemacht und die Leute in den Zügen mit spontanen Reimen angesprochen hast. Was hat dich denn da geritten?

Das ist schon ewig her. Ich habe das mal vor 5-6 Jahren mit einem Freund von mir gemacht, da brauchten wir dringend Geld. Wir wollten abends irgendwo hingehen und brauchten dafür eine Menge Geld. Da habe ich dann die Gitarre genommen und habe mich mit ihm in die Hamburger S-Bahn gestellt und wir haben einfach drauf los-gerappt bzw. zu Akkorden gereimt wie z. B. "Sie sitzen in der S-Bahn und können sich 'ne Menge Stress sparen". Das war eine dieser vielen wahnwitzigen Ideen, die wir früher gemacht haben.

Der Titel und die Farbe des aktuellen Albums kommen im chicen Beige daher. Was drückt für diese Farbe für dich aus?

Nicht viel. Es ist einfach eine chice Farbe. Das Album heißt "Das beige Album" und es hat eigentlich keine tiefere Bedeutung.

Die neue Platte ist doch etwas nachdenklicher geworden als der Vorgänger. Was ist zwischen "Brichst du mir das Herz, dann brech ich dir die Beine" und dem "beigen Album" mit dir passiert?

Nichts Schlimmes. Die erste Platte war aber auch schon ziemlich ernsthaft, das ist vielleicht nur aufgrund des Titels nicht so aufgenommen worden. Da sind auch einige ernste Stücke drauf wie "Weil die Zeit sich so beeilt" oder "Das letzte Königskind". Allerdings sind dort natürlich auch viele lustige Songs enthalten. Ich hatte aber, glaube ich, mal Lust gehabt für die neue Platte ein paar ernstere Songs zu schreiben. Die nächste Platte kann dann auch wieder lustiger werden. Ich habe da nicht den Anspruch unbedingt ein ernsthafter Künstler zu werden. Ich hatte halt einfach das Gefühl ein bisschen was Ernsthafteres machen zu wollen. Ich habe in der Zeit auch viel ruhige Musik wie Elliot Smith gehört, die mich auch ein bisschen dazu bewegt hat. Ich habe auf jeden Fall keinen wilden Schicksalsschlag erlitten.

Auf welchen Reim bist du denn am stolzesten auf der neuen Platte?

Kann ich so nicht sagen. Welchen findest du denn am besten?

Ehrlich gesagt: "Hamburg City, hartes Pflaster - Baby, reich den Kapodaster" (aus "Die Ankunft der Marsianer").

Ja, der ist gut gelungen. Es gibt ein paar Zeilen, die ich sehr mag, aber eigentlich achte ich nicht so auf die Reime. Es muss halt zum Song passen. Stolz bin ich dann schon eher auf einzelne Songs wie "Dann schlägt dein Herz", was ein super Song geworden ist oder natürlich auf die ganze Platte, wenn man sie dann nach 3 Monaten Arbeit in den Händen halt. Da betrachtet man weniger den einzelnen Reim sondern das Gesamtkunstwerk.

Welcher Song hat die längste Entstehungszeit auf dem aktuellen Album?

Am meisten Entstehungszeit hatte der "Klapskalli"-Song.

Der ja auch einer tragischsten Songs auf der Platte ist.

Ja, der ist schon ein bisschen psycho-lastig. Den habe ich auch erst während der Aufnahmen geschrieben und dann haben wir mehr und mehr Sachen dazu genommen. Heinz Strunk hat z. B. Flöte darauf gespielt und wir haben auch noch Bläser dazu genommen. Der älteste Song auf der Platte ist aber der "Bettmensch"-Song, den habe ich schon seit drei Jahren fertig gehabt.

Vor dem besagten Song wirst du von einem weiblichen Verehrer angehimmelt, gesprochen von Farin Urlaub. Wie kam es dazu?

die ärzte haben uns letztes Jahr zu einer ihrer Shows ins Vorprogramm eingeladen. Das lag daran, dass Bela B. wohl meine Platte gehört hat. Ich kenn den auch schon länger vom Sehen her, er lebt ja auch in Hamburg, man trifft sich dann ab und zu und irgendwann hat er mal zu mir gesagt: "Super Platte, "Rock'n'Roll Lifestyle" gefällt mir richtig gut" und dann hat er die Platte wohl Farin vorgespielt, dem sie noch besser gefallen hat und dann haben sie mich halt eingeladen. Wir haben dann bei ihnen im Vorprogramm gespielt und das fanden sie super. Wir sind dann in Kontakt geblieben und Farin hat angeboten, dass ich ihn anrufen kann, wenn ich 'ne neue Platte aufnehme und er hat wortwörtlich gesagt "Wenn du mal 'nen Job für 'nen alten Mann hast, dann sag einfach Bescheid" und das fand ich ziemlich cool. Ich habe ihn dann angerufen, er ist zu uns ins Studio gekommen und hat 'nen halben Tag bei uns rumgehangen. Wir haben uns gegenseitig unsere neuen Platten vorgespielt und sind uns gegenseitig in den Arsch gekrochen und haben dann das "Bettmensch"-Intro aufgenommen und er hat auch noch ein paar leise Chöre zu dem Song aufgenommen.

Du hast es gerade erwähnt, Du bist letztes Jahr im Vorprogramm von die ärzte aufgetreten. Wie hat Dich das Publikum aufgenommen?

Ganz gut. Das lag aber auch daran, dass Bela mich vorher angesagt hat, was uns halt sehr geholfen hat. Es gibt auch Bands, die da an unserer Stelle schon ordentlich abgekackt haben.

Du warst ja früher auch als Roadie tätig …

... ja, kann man so sagen. So sieben bis acht Jahre, aber halt immer nebenbei um mein Studium zu finanzieren, was ich dann aber abgebrochen habe.

Was war Dein schlimmster Job in dieser Zeit?

Ach, da gab es schon viele miese Sachen, die ich machen musste. Manchmal musste man eine ganze Nacht den Backstage-Eingang von einem Club bewachen, aber von außen. Ich hatte zu wenig an, habe tierisch gefroren und musste dort von 21.00 Uhr bis 4.00 Uhr morgens stehen um dann auf die besoffene Band zu warten. Das ist ätzend. Auch ätzend ist, wenn du noch um 4.00 Uhr morgens einen ganzen Truck vollladen musst, während die Band schon feiert und das nachdem du eh schon den ganzen Tag über gearbeitet hast und noch als Ordner auf dem Konzert warst - eine sehr undankbare Aufgabe.

Wen hast Du denn in dieser Zeit u. a. Begleitet?

Ich habe eigentlich keine Bands begleitet. Ich war örtlich in Hamburg tätig als Aufbauhelfer. Nachher habe ich dann auch als Tourbegleiter Bands wie die Weakerthans begleitet. Als Aufbauhelfer oder Stagehand habe ich aber schon für alle möglichen Künstler gearbeitet wie Lou Reed, Van Halen, Bruce Springsteen, Herbert Grönemeyer, Backstreet Boys, Take That, Westernhagen und auch für die ärzte u. a.. Ich habe damals auch T-Shirts gedruckt und u. a. auch eins, wo draufstand "Ich würd mich ficken". Ich habe dann 1995/1996 auf der Tour für die ärzte gearbeitet und Bela zwei Shirts davon in die Hand gedrückt, die die beiden auch prompt auf der Bühne getragen haben. Das war eigentlich unser erster Kontakt, daran erinnern sie sich aber leider nicht mehr - ich habe sie schon gefragt.

Du hast erzählt, dass Du in deiner Jugend gerne New Yorker Hardcore-Bands wie Biohazard gehört hast. Was hat Dich an dieser Musik fasziniert?

Die Aggressivität und die Wut, mit der sie Sachen einfach rausgeschrieen haben, die ihnen besonders wichtig waren. Es war alles sehr hart und direkt auf den Punkt und es kam in einem Alter an mich heran, wo ich selber auch erste Revoluzzer-Gedanken hatte. Das hat mich in dieser Phase der Jugend sehr intensiv begleitet.

Wie groß ist dein Lampenfieber vor großen Auftritten wie z. B. der Rheinkultur, wo Du vor zigtausenden Leuten spielst?

Es ist immer unterschiedlich. Bei die ärzte z. B. hatte ich wirklich Lampenfieber. Das war ausverkauft, 20.000 Leute, man hat nur auf Menschen geschaut und ich bin da allein mit meiner Akustikgitarre raus. Das war hart. Da ist man wirklich aufgeregt. Momentan ist das mit dem Lampenfieber aber auf einem erträglichen Level. Bei der Rheinkultur z. B. hatte ich vorher auch einige Bier getankt, weshalb das nicht so schlimm war. Hat man das gemerkt?

Na ja, eigentlich schon. War aber lustig.

Ja, da habe ich ganz gut einen sitzen gehabt. Ist aber auch nicht schlimm - als Entertainer darf man das. Harald Juhnke hat das 50 Jahre lang so gemacht.

 

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