23.09.2013

Phillip Boa

"Es quält mich immer noch mich prostituieren zu müssen."

Phillip Boa
Interview: Stefan Üblacker / Foto: Olaf Bredenförder

Köln. Ich gebe zu, ich bin aufgeregt ob des Interviews mit Phillip Boa, gilt er doch als schwieriger Interviewpartner. Kurz vor dem Gespräch bekomme ich dann auch noch die Info zugesteckt, dass er Telefon-Interviews eigentlich gar nicht mag. Das kann ja heiter werden! Und ja, das wurde es sogar wortwörtlich. Phillip erwies sich als sehr angenehmer Gesprächspartner, der viel Einblick in seinen Charakter bot und mit dem man sich hervorragend über Musik unterhalten kann. Im Gespräch antwortet er oft erst mit Verzögerung auf meine Fragen, dafür aber ehrlich und überlegt. Er ist wahrlich kein Dampfplauderer.

Phillip, würdest du dich als Teamplayer sehen?

Nein, eher nicht. Meine Teamplayer-Erfahrungen, die ich in jungen Jahren mit meinen ersten Bands erlebt habe, haben mich schnell zu einem sanften Diktator werden lassen (lacht). Heute verstehe ich mich eher als Dirigent bzw. Songwriter. Ich nehme aber auch gerne Songideen von anderen Leuten an und adaptiere sie für meinen Stil.

Bezieht sich das eher auf die Musik oder den Text?

Hauptsächlich die Musik. Die Texte stammen, bis auf zwei Stücke, die aus Pia Lunds Feder stammen, immer zu 100 % allein von mir. Bei der Musik habe ich aber immer schon gerne Ratschläge und Ideen von anderen Leuten angenommen.

Was meinst du, wie nennen dich die übrigen Mitglieder des Voodooclubs hinter vorgehaltener Hand?

(lacht) Gute Frage, wahrscheinlich Boss. Hinter vorgehaltener Hand wird von mir nicht immer das Feinste erzählt.

Würdest du dich als Kontrollfreak bezeichnen?

Ich kann ein Kontrollfreak sein. Eine meiner schlechten Eigenschaften ist meine Paranoia. Wenn die während meiner Arbeit auftaucht, kann das für die Leute, die mit mir arbeiten, schon recht bitter werden.

Entschuldigst du dich, wenn du merkst, dass du über die Stränge geschlagen hast?

Ja, das mache ich. Ich bin ein Westfale. Ich kann sehr aufbrausend sein und sage oft Sachen, über die ich nicht immer nachdenke und die andere Leute oft verletzen. Schon Stunden später leide ich aber unter einem schlechten Gewissen und versuche dann ohne mein Gesicht zu verlieren eine Entschuldigung nachzureichen. Das gelingt mir mal gut und mal weniger.

Ist dir der direkte Umgang mit Leuten generell am liebsten?

Von meiner Seite aus schon. Ich bezweifele aber stark, dass ich selbst mit Direktheit von anderen Leuten mir gegenüber gut klar kommen würde. Ich fühle mich sehr leicht angegriffen.

Machen dir dann schlechte Konzert- oder Plattenkritiken noch etwas aus?

Diese Zeiten sind lange vorbei. Mittlerweile gibt es so viele Medien, dass es auch nicht mehr die Relevanz wie früher hat. Die Macht eines reinen Musikmagazins ist im heutigen digitalen Zeitalter sehr unbedeutend geworden. Wenn man dann eine einzelne Kritik im Kontext eines mehr als 25-jährigen Schaffens sieht wird diese schnell unwichtig.

Heutzutage muss man sich als Künstler eher vor Shit-Storms fürchten.

Ja, das ist heftig. Ich war zum Glück noch kein Opfer. Ich beobachte das aber mit sehr negativen Gefühlen. Diese Shit-Storms prasseln in nahezu faschistoider Manier auf Menschen ein, die eh schon am Boden liegen. Ganz gleich welchen vermeintlichen Fehler man gemacht hat: Ich finde das menschenverachtend.

In nahezu jedem Artikel über dich taucht irgendwann das Wort „Indie“ auf. Kannst du es eigentlich noch hören?

Es gibt Schlimmeres. Ich denke darüber gar nicht mehr groß nach. Mein Publikum ist mittlerweile sehr breit gefächert - Indie ist nur eine Gattung. Der Mensch muss halt gewissen Dingen einen Namen geben. Es sei mal dahingestellt, ob Indie jetzt bei mir die passende Bezeichnung ist.

Auf jeden Fall ist es auch eine Einstellung.

Ja, und diese Fahne halte ich hoch. Mir ist es sehr wichtig unabhängig und frei zu sein und mir von niemandem in der Musikbranche etwas sagen lassen zu müssen. Ich möchte keine stumpfsinnigen Regeln befolgen oder ins Fernsehen gehen müssen um mehr Platten zu verkaufen. Es quält mich immer noch mich prostituieren zu müssen.

 

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