22.08.2013

Ralph Goldschmidt

"Viele malen sich ein Leben aus, dass sie gerne leben würden. Sie haben aber nicht den Mut dieses auch zu leben."

Ralph Goldschmidt
Interview: Stefan Üblacker / Foto: Ralph Goldschmidt

Der „Burnout“, der eine Folge davon sein kann, ist in letzter Zeit zum Modewort geworden. Sie mögen den Begriff nicht, oder?

Es ist ein schwieriger Begriff, der ziemlich inflationär gebraucht wird. Der Burnout ist noch immer kein akzeptiertes Krankheitsbild und eigentlich müsste es Depression heißen. Das klingt jedoch scheiße und man denkt sofort an „Lusche“ und „Weichei“. Einen Burnout hingegen bekommst du nicht einfach so, den musst du dir erst einmal verdienen - aufgeopfert für die Firma. Es ist auf jeden Fall sozial angesehener sich damit zu outen als mit einer Depression. Es ist aber Fakt, dass diese psychischen Erkrankungen, wie immer man sie jetzt benennen will, dramatisch zunehmen. Dabei arbeiten die Menschen gar nicht mehr als früher - eher im Gegenteil. Der Druck ist aber größer. Die Art der Arbeit hat sich aber stark verändert. Es gibt vielfach das Gefühl der Sinnlosigkeit des eigenen Tuns. Viele befinden sich dabei in einer Sandwich-Position und kriegen Druck von oben und unten und reagieren oft ohnmächtig, da sie auf viele Dinge keinen Einfluss haben. Als Betroffener ziehst du leider zuletzt die Reißleine - mit fatalen Folgen.

Ist die menschliche Psyche den heutigen Anforderungen überhaupt gewachsen?

Der menschliche Organismus passt sich nicht so schnell an. Die Entwicklungen der letzten Jahre überfordern viele Leute, denen es zu schnell geht. Man muss mehr Verantwortung übernehmen und gegenrudern, wenn man Gefahr läuft im Strudel zu kentern. Sprich: Auszeiten nehmen, offline bleiben, Oasen suchen. Der Mensch ist mit dem ewigen Lauf im Hamsterrad zu Recht überfordert. Die junge Generation kommt damit aber schon besser klar, als diejenigen, die noch ohne Computer groß geworden sind.

In Ihrem Buch taucht der Spruch „Das Leben ist kein Konjunktiv“ auf. Warum benutzen wir ihn aber so häufig?

Viele malen sich ein Leben aus, das sie gerne leben würden. Sie haben aber nicht den Mut dieses auch zu leben. Das hat wieder was mit dem Thema Selbstverantwortung und Mut zum Risiko zu tun. Es gibt derzeit ein interessantes Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ von Bronnie Ware. Sie hat jahrelang in der Sterbebegleitung in einem Hospiz gearbeitet und herausgefunden, dass Sterbende in ihrem Leben am meisten bereut haben, dass sie nicht den Mut hatten die Dinge zu tun, die sie gerne gemacht hätten. Sie haben das Risiko gescheut. Ich habe vor kurzem eine Frau wieder getroffen, die ich bereits aus einem früheren Workshop bei einem DAX-Unternehmen kannte. Sie hat ihren sicheren, gut bezahlten Job gegen die Selbstständigkeit eingetauscht. Das ist im Moment zwar nicht leicht für sie aber sie macht es nur noch für sich und fühlt sich wunderbar damit. Diesen Mut würde ich viel mehr Leuten wünschen.

Warum machen so viele Leute einen Job der ihnen nicht gefällt?

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, der nur sehr ungern seinen inneren Schweinehund überwindet und die vermeintliche Komfortzone verlässt. Ich bin seit ca. 20 Jahren als Coach beschäftigt und finde es erschreckend, wie viele Leute einer Tätigkeit nachgehen, die kaum etwas mit ihren persönlichen Fähigkeiten und Interessen zu tun hat. Sie hätten sich damals lieber mehr Zeit bei der Berufswahl lassen sollen. Irgendwann haben sie aber eine Position erreicht, wo sie viel Geld verdienen und eine Familie, Haus und Auto haben. Da fällt es den meisten Menschen schwer, noch mal umzusteigen, aber auch das geht. Du musst es nur wollen und den Mut dazu haben. Hätte, würde, könnte hilft nicht viel. Das Leben hat keine Generalprobe.

In Ihren Vorträgen rechnen Sie den Menschen vor, wie viel Zeit im Leben Ihnen noch tatsächlich bleibt, die sie bewusst verbringen. Das ist erschreckend wenig.

Es ist schockierend wie wenig effektive Zeit einem im Leben bleibt, wenn man die Schlafphasen abzieht. Wenn man bedenkt, dass viele Menschen die letzten Lebensjahre nicht mehr im vollen geistigen und körperlichen Bewusstsein erleben, wird das Bein noch dicker. Man muss sich bewusst sein, dass die wenige Zeit, die du im Leben hast, nicht vergeudet und mit Dingen verbracht werden sollte, die einem nicht gefallen. Unser kostbares Leben ist dafür zu schade.

Ich bin in Ihrem Buch über eine Zahl gestolpert, die mich sehr schockiert hat. Der Durchschnittsdeutsche schaut pro Tag ca. vier Stunden Fernsehen - eine unvorstellbare Zahl.

Das ist Wahnsinn. Viele lassen sich lieber von der Glotze berieseln, als mit ihrem Partner zu sprechen, weil sie sich eigentlich nichts mehr zu sagen haben.

Wo wir bei den schweigenden Partnern sind: Man glaubt gar nicht, wie viele Pärchen in Restaurants oder Cafés sitzen, die sich die ganze Zeit nur anschweigen.

Ja und bei den wenigsten hast du das Gefühl, dass sie es bewusst machen, um die Ruhe zu genießen. Meistens ist es eher eine peinliche Stille und es beschleicht einen das Gefühl, dass sie nur weggehen, damit sie wenigstens ein paar Umgebungsgeräusche hören.

 

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