15.10.2013

Steve Blame

"Die ersten zwei Jahre bei MTV haben wir gedacht, wir machen das nur für uns selbst."

Steve Blame
Interview: Stefan Üblacker / Foto: Marcel Kamps

Köln. Es ist ein lauwarmer Spätsommerabend im Belgischen Viertel von Köln. Steve Blame hat in der "Wohngemeinschaft" zu einem multimedialen Doppel-Vortrag geladen. Neben Erzählungen aus seiner Zeit beim Musikfernsehen spricht er auch über sein Buch "Emotionale Vaseline" und seine Theorie, dass jedem Pop-Idol eine tiefe Wunde innewohnt. Nach dem Vortrag nimmt er sich Zeit für meine Fragen. Trotz seines hervorragenden Deutsch sprudeln immer wieder denglische Wortfetzen aus ihm heraus, die ihn umso sympathischer machen.

Wie kamst du eigentlich auf deinen Künstlernamen Steve Blame? Eigentlich heißt du ja Steven James.

Der Name Steven James war schon von einem anderen Moderator bei der Künstler-Gewerkschaft angemeldet. Ich musste mir daraufhin einen neuen Namen ausdenken und hatte zwei Stunden Bedenkzeit dafür. Ich wollte mich zuerst Steve Marine nennen, aber mit dem Namen währe ich wohl besser Pornostar geworden (lacht). Ich bin dann durch eine „The Sun“-Schlagzeile irgendwie auf „Blame“ gekommen. Ich habe später darüber mit meinem Psychologen gesprochen und er meint, dass man irgendwann den fiktiven Namen, den man sich ausgewählt hat, auch lebt und als zweite Persönlichkeit entwickelt. Bei Boy George kann man das gut sehen. Irgendwann musste ich dann lernen meine beiden Persönlichkeiten Steven James und Steve Blame zusammenbringen.

Du hast mal gesagt, dass du irgendwann angefangen hast den Steve Blame in dir zu hassen.

Ja, ich war als Steve Blame sehr überzeugt von mir und hatte viele menschliche Qualitäten verloren - so geht es wohl vielen Leuten, die permanent in der Öffentlichkeit stehen. Ich brauchte dann die Bruchlandung, die sich nach meiner Zeit bei VIVA ergeben hat, wirklich dringend, um mein Leben wieder gerade zu biegen. Ich kann heute zwar immer noch austicken und viel Spaß haben, bin dabei aber stets mit dem Boden verbunden und schwebe nicht mehr über ihm.

Hast du während deiner Zeit bei MTV jemals wirkliche Bodenhaftung gehabt?

Nein, überhaupt nicht. Ich war damals eine Art Popstar, nur ohne das Geld. Genauso habe ich mich auch gefühlt und teilweise aufgeführt. Wir haben damals das Leben von Popstars gehabt und konnten uns alles erlauben. In der Zeit bin ich ziemlich ausgeflippt und hatte kaum noch Respekt vor Leuten.

War der fehlende Respekt gerade bei Interviews nicht manchmal auch hilfreich?

Ja, total. Ein Interview ist aber trotzdem eine ganz andere Situation, denn es ist eine künstliche Situation. Ich habe mit vielen Leuten damals gesprochen und die meisten waren sehr erfahren und wussten genau, was sie sagen wollten und was nicht. Es war schwer diesen Leuten etwas Interessantes zu entlocken. Ich habe aber trotzdem immer versucht nett zu meinen Gesprächspartnern zu sein und etwas Distanz zu wahren.

Oft stellen sich Gesprächspartner, die man sehr verehrt als größte Arschlöcher heraus und umgekehrt.

Ja, deswegen empfiehlt sich immer etwas Distanz. Die Fanbrille kann man aber selten gut verstecken. Man sollte sich vor allem fragen: Für wen mache ich dieses Interview und welchen Zweck soll es erfüllen?

Du hast einige Leute sehr oft interviewt – allein Elton John ganze acht Mal. Fühlt sich das nicht ein bisschen an wie „Und täglich grüßt das Murmeltier“?

Ja, das stimmt. Ich habe mir auch gedacht „Oh nein, nicht schon wieder Elton John!“. Aber gerade die Gespräche mit ihm waren immer sehr unterhaltsam. Ich habe einmal vor einem Interview mit ihm in seinem Hotelzimmer auf ihn gewartet. In dem Zimmer lag ein Haufen irrer Kostüme von ihm herum, die für wohltätige Zwecke versteigert werden sollten. Irgendwann wurde mir langweilig und ich habe dann die berühmte Bananenhalskette anprobiert. Gerade in dem Moment platzt er natürlich herein und hat sehr cool reagiert. Aber es stimmt schon, es ist schwer Fragen zu finden, die noch nicht gestellt worden sind. Heute, mit etwas Distanz, wäre ich übrigens sehr glücklich, wenn ich Elton John wieder interviewen dürfte. Da würden mir sofort viele Fragen einfallen.

Hast du jemals überlegt, was aus dir geworden wäre, wenn du nicht bei MTV gelandet wärest?

Ich glaube, ich hätte einen anderen Weg genommen. Ich wollte z. B. immer schon gerne schreiben, aber weiß der Teufel, was aus mir geworden wäre. Ich bin froh und dankbar darüber, wie es gelaufen ist.

Die MTV-Europe-Zeit fing sehr anarchisch an. Wann habt ihr gemerkt, dass ihr etwas Relevantes für die Jugendkultur macht?

Die ersten zwei Jahre bei MTV haben wir gedacht, wir machen das nur für uns selbst. Wir konnten nicht glauben, dass sich Leute unser Programm ernsthaft anschauen. Wir haben von London aus gesendet, doch in England selbst konnte man uns kaum empfangen. Erst als wir im restlichen Europa unterwegs waren, haben wir gemerkt, dass uns die Leute kennen und wir offenbar einen großen Einfluss auf die Jugendkultur haben. Wir waren für viele Jugendliche damals ein treuer Begleiter.

Du hast während deiner MTV-Zeit den Fall der Berliner Mauer begleitet. Kannst du dich noch daran erinnern?

Ja, sehr gut sogar und mir ist es im Nachhinein auch etwas peinlich. Wir haben kurz vor dem Mauerfall ein Special über die Berliner Mauer gedreht und waren gerade wieder in London beim Schnitt als wir hörten, dass die Mauer gefallen ist. Wir sind darauf hin wieder nach Berlin zurück geflogen um ein alternatives Ende zu drehen. Unser damaliger Programmdirektor hat wenige Wochen später eine Rede vor uns gehalten, bei der er allen Anwesenden ein Stück Berliner Mauer geschenkt und gesagt hat, dass MTV die Mauer mit eingerissen habe. Ich war so sauer auf ihn, dass ich mein Stück in den Mülleimer geschmissen habe. Es waren schließlich die Menschen, die diese verdammte Mauer eingerissen haben und nicht irgendeine blöde Werbekampagne.

Ich dachte immer, David Hasselhoff hätte die Mauer eingerissen.

Ja, er denkt das wahrscheinlich auch (lacht).

 

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