09.09.2013

Wilfried Schmickler

"Ich bin mehr oder weniger sprachlos wie schnell die Leute vergessen."

Wilfried Schmickler
Interview: Stefan Üblacker / Foto: WDR

Bonn. Der Kabarettist Wilfried Schmickler gastiert mit seinem aktuellen Programm "Ich weiß es doch auch nicht" an diesem Abend im ehrwürdigen Pantheon. Vor seinem Auftritt bleibt Zeit für ein abwechslungsreiches Gespräch über Themen wie Mindestlohn, Integration und Bildungspolitik, die sich auch in seinem Programm wieder finden.

Herr Schmickler, welches Thema beschäftigt Sie zur Zeit am meisten?

Die gerechte Verteilung innerhalb der Gesellschaft ist aktuell wohl die wichtigste Frage. Das geht einher mit gerechtem Lohn für gute Arbeit und vernünftigen Arbeits- und Vertragsverhältnissen.

Warum wird diese Frage nicht stärker nach außen getragen? Ich habe das Gefühl, dass die Menschen in diesem Lande intensiver über eher unwichtigere Themen debattieren.

Gerade diese Frage sollte aber die Menschen beschäftigen, da sie sich unmittelbar auf ihrem Kontoauszug bemerkbar macht. Man muss aber feststellen, dass es den Menschen hierzulande im Gegensatz zu einigen europäischen Nachbarn immer noch sehr gut geht. Das hält viele Leute noch davon ab auf die Straße zu gehen.

Können Sie eigentlich verstehen warum aktuellen Umfragen zufolge Angela Merkel immer noch die beliebteste Politikerin im Lande ist?

Das ist wirklich schwer zu verstehen. Die Politik, die sie verantwortet und die derzeitige Koalition, der sie vorsteht, haben nicht diese Zustimmung, die sie als einzelne Person hat. Das ist ein Phänomen, das wohl am ehesten Sozialpsychologen erklären können. Die Leute scheinen zu denken, dass sie die über allem schwebende Mutti ist, die sich um alles kümmert. Hinzu kommt, dass sie, wie sie selbst so schön gesagt hat „alternativlos“ ist. Es gibt leider niemanden, der ihr derzeit ernsthaft Paroli bieten könnte. Da kommt kein Peer Steinbrück, Jürgen Trittin, geschweige denn ein FDP-Politiker heran. Die Deutschen haben sich offenbar mit Angela Merkel als Kanzlerin abgefunden.

Für mich ist das bei der Politik, die sie zu verantworten hat, nur schwer nachzuvollziehen.

Es ist schizophren. Darüber sollte man mal wirklich nachdenken. Ich möchte Ihnen noch ein anderes Beispiel geben: Das Konsumklima ist so gut wie lange nicht mehr. Die Leute kaufen wie verrückt und das in einer Zeit, in der die Arbeitsverhältnisse unsicherer denn je sind. Sie scheinen die Augen vor diesen Themen zu verschließen und genießen einfach die Zeit. Das einzige Thema, was wirklich noch interessiert ist, ob es regnet oder nicht.

Ein Thema, dass in letzter Zeit sehr heftig diskutiert worden ist, war die Steuerhinterziehung von Bayern-Präsident Uli Hoeneß.

Herr Hoeneß platzte passend in die Diskussion um Steuergerechtigkeit und die Austrocknung von Steueroasen hinein. Es geht hier um die Frage, wie man es schafft, dass diejenigen, die mehr verdienen auch mehr zum Sozialwohl beitragen - da sind wir wieder bei der gerechten Verteilung. Das Thema Uli Hoeneß ist aber schon vorbei. Beim Champions-League-Finale stand er wieder grinsend da, als wäre nichts gewesen. Dabei galt er bis vor kurzem noch als der größte Steuerverbrecher, den Deutschland jemals hatte.

Die Menschen vergessen schnell …

Absolut. Das ist auch ein großes Problem in dem, was ich tue. Die Halbwertzeit von Themen ist extrem kurz geworden. Kaum ist ein Thema besetzt worden, schon wird die nächste Sau präsentiert, die durch das Dorf gejagt wird. Die Schlagzahl ist enorm und es ist sehr schwer geworden Themen zu entdecken, die auf Dauer die Leute ansprechen.

Das Internet trägt sicher einen großen Teil dazu bei.

Ja, natürlich. Das Internet hat das Tempo beschleunigt und die Masse an Nachrichten extrem vergrößert. Man kommt eigentlich kaum noch hinterher.

Wenden die Menschen das berühmte Drei-Affen-Prinzip an um sich dieser Flut zu entziehen?

Ich würde das nicht immer an den Menschen festmachen. Wenn ich mit Leuten rede, nehme ich viele ernste Ansichten und Meinungen wahr. Doch wo sollen die Leute diese am Ende äußern? Es gibt kaum Runden, wo solche Gespräche zustande kommen. Ich bin mehr oder weniger sprachlos wie schnell die Leute vergessen.

… bzw. wie wenig Bedürfnis für tiefere Diskussionen vorhanden ist.

Der NSU-Prozessauftakt ist das beste Beispiel dafür. Da wurde drei Tage lang über die Klamotten von der Zschäpe diskutiert, doch die wirklich wichtigen Fragen wurden nicht gestellt. Wer hat Schuld daran, dass es überhaupt zu dieser Terrorserie kam? Welche Rolle haben die staatlichen Organe wie der Verfassungsschutz dabei gespielt? Wie steht es um den Ausländerhass in Deutschland? Wie ist der Boden bestellt, auf dem dieser Rassismus entstanden ist? Diese Fragen wurden nicht gestellt. Ich glaube, dass eine Diskussion in dieser Richtung sehr fruchtbar gewesen wäre.

Es gibt aber genug Menschen, die solche Diskussionen gar nicht erst aufkommen lassen wollen?

Natürlich, dabei geht es um das nackte Geschäft. Es muss sich auch verkaufen. Das war schon immer so. Im Gegensatz zu früher haben sich aber die Schlagzahl und die Verschiedenheit der Themen geändert. Die Themen, die sich ablösen, haben immer weniger miteinander zu tun. Da geht es quer durch den Gemüsegarten – heute NSU-Prozess, morgen Hoeneß, dann Wetter usw. …

 

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