09.09.2013

Wilfried Schmickler

"Ich bin mehr oder weniger sprachlos wie schnell die Leute vergessen."

Wilfried Schmickler
Interview: Stefan Üblacker / Foto: WDR

Ein Thema, dass mich wütend gemacht ist die Tatsache, dass es hierzulande in vielen Gemeinden ein Problem ist sein Kind in einer Kita unterzubringen.

Das Platzproblem ist dabei das Eine, das Schlimmste ist jedoch, dass es auch richtig Geld kostet. Dadurch findet im Vorfeld schon eine Selektion statt zwischen Kindern, deren Eltern sich die 400/500 € im Monat leisten können, die ein gut-betreuter Kita-Platz im Durchschnitt kostet und denen, deren Eltern nicht das Geld dafür haben, und die am Ende oft schon mit Defiziten in die Schule kommen.

In dieser Hinsicht finde ich es auch bedenklich, dass Pädagogen vom Ansehen her sehr schlecht wegkommen …

… und vor allem mies bezahlt werden. Das Ansehen hat sich meiner Meinung nach schon etwas gebessert, doch die Bezahlung ist erbärmlich. Warum arbeiten so wenige Männer als Pädagogen? Weil sie wissen, dass sie davon kaum eine Familie ernähren können. Ähnlich ergeht es den Kranken- oder Altenpflegern.

Da sind wir wieder beim gerechten Lohn für gute Arbeit.

Genau, komischerweise ist es gerade diese Bevölkerungsschicht, die in Konsumlaune ist. Die hauen die Kohle raus, die nicht da ist. Irgendetwas läuft hier nicht richtig (lacht). Es ist ebenfalls erschreckend, wie wenig Bürgerinitiativen bilden um gegen diese Missstände vorzugehen. Früher war es groß in Mode, heute kommt es selten vor, dass Leute sich zusammenschließen um Änderungen selbst herbeizuführen. Es ist zugegebenermaßen nicht ihre Aufgabe, doch es wäre eine Chance.

Lohnt sich Leistung heute noch?

Die Politiker aller Parteien haben sich ganz groß „Leistung muss sich wieder lohnen“ auf die Fahnen geschrieben. Die Leute, die aber wirklich tolle und wichtige Beiträge zur Gesellschaft leisten, sehen jedoch am Monatsende, dass sich Leistung nicht lohnt. Es ist bemerkenswert, dass dabei kein Aufschrei der Empörung durch das Land geht. Trotzdem gibt es noch Leute in den Gewerkschaften oder in der Kirche, die sich engagieren und Bewegungen wie Attac oder Oxfam, die die Umverteilung wollen. Leider sind diese Organisationen nicht so stark, wie sie sein müssten.

Auch Sie sind ehrenamtlich tätig. Sie engagieren sich mit Kollegen an einer Kölner Hauptschule.

Das haben wir mittlerweile aufgegeben, denn wir waren überfordert. Wir konnten die Kinder und Lehrer zwar mit unseren Ideen und Aktivitäten eine Zeit lang beglücken, doch als es an die Substanz ging und die wirklichen Probleme ans Tageslicht kamen waren wir überfordert. Da kommt man mit gutem Willen allein nicht mehr weiter. Man braucht eine pädagogische bzw. soziologische Ausbildung um diese Probleme anzugehen um z. B. mit den Familien zu sprechen. Da muss man sehr vorsichtig sein.

Das ist dann ein Full-Time-Job.

Ja und das ist die Aufgabe von Streetworkern und ausgebildeten, sozialen Kräften. Unsereins kann nur die kulturelle Dekoration leisten.

Was haben Sie aus der Zeit mitgenommen?

Ich habe gelernt, dass es nicht so einfach ist. Man braucht Konzepte, eine gute Betreuung, am Besten eine wissenschaftliche Begleitung und darf nicht blauäugig an die Sache heran gehen. Die Arbeit mit den Kindern hat trotzdem Freude gemacht und sie hatten auch großen Spaß - gerade an den musikalischen Sachen. Es hat aber leider nichts an ihrer Situation geändert. Bei den Elternhäusern, die dahinter stecken - gerade bei Migrantenfamilien - tun sich leider oft erschreckende Abgründe auf.

Haben Hauptschüler heutzutage überhaupt eine Chance in Deutschland?

Sie haben eigentlich keine Perspektive hierzulande. Das Konzept der Hauptschule ist falsch. Das wurde uns in dieser Zeit immer wieder vor Augen geführt. Die Schule, an der ich gearbeitet habe, gibt es auch inzwischen nicht mehr.

Kann Bildung überhaupt Ländersache sein?

Gute Frage. Eigentlich nicht, wenn man sich das Bildungschaos in diesem Land anschaut. Das ist aber wohl etwas, mit dem man sich abfinden muss. Das wird man in Deutschland kaum ändern können. Man kann nur hoffen, dass die handelnden Personen das Beste daraus machen.

 

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