08.05.2015

Jonny Two Bags

"Eine Band, die nach klaren demokratischen Regeln agieren will, kann auf Dauer nicht funktionieren."

Jonny Two Bags
Interview: Stefan Üblacker / Fotos: Neil Kanal & Brandise Danesewich

Lass uns über ein unschönes Thema reden: Rassismus. Trotz unserer schlimmen Vergangenheit ist das Thema leider Gottes nach wie vor aktuell in unserem Land. Noch immer gibt es Idioten, die nichts Gescheites auf die Reihe kriegen und für ihr Versagen die Schuld bei Leuten suchen, die noch ärmer dran sind – zum Beispiel bei Flüchtlingen, die hierher kommen um Schutz zu suchen. Wie verhält es sich bei euch in Kalifornien bzw. den Vereinigten Staaten im Allgemeinen?

Rassismus ist eine Sache, zu der ich einen sehr persönlichen Bezug habe, der mich immer wieder traurig macht, wenn ich daran denke. Als Jugendlicher hatte ich zusammen mit anderen Freunden stets Ärger mit dem Gesetz. Ich habe geklaut, Dinge kaputt gemacht und war voll auf Drogen. Es kam, wie es kommen musste: Irgendwann befand ich mich im Gefängnis, wo bis heute sehr strikt nach Rassen und Gangs getrennt wird. Die Zeit im Gefängnis war für mich ein sehr lehrreiches und einschneidendes Erlebnis. Danach ist es mir Gott sei dank gelungen mein Leben positiv zu verändern. Vieler meiner einst besten Freunde sind jedoch dort geblieben und nie wieder aus diesem System heraus gekommen. Die haben nicht so eine Entwicklung genommen. Früher sind wir noch zusammen auf Punkrock-Konzerte gegangen, haben Bier getrunken und Rassismus war nie ein Thema für uns. Heute sind diese Leute zu echten konservativen Hardlinern geworden und sind in Gefängnisgangs wie der Aryen Brotherhood (Arische Bruderschaft). Das ist schwer für mich zu nehmen, denn ich hatte noch nie großartige, rassistische Gedanken. Ich bin auch kein Freund von Allgemeinplätzen wie der Aussage, dass alle Mexikaner, die illegal über die Grenze zu uns kommen, schlechte Menschen sein sollen. Ich denke, man muss hier jedes Schicksal einzeln betrachten und wer will es einem Menschen, dem es in seinem Heimatland nicht gut geht, verdenken, dass er sein Glück woanders sucht. Das ist ein urtypisches Verhalten, dass man auch in der Tierwelt beobachten kann. Und machen wir uns nichts vor: Idioten gibt es hier wie dort.

Amerikaner sind außerhalb der USA nicht unbedingt die beliebtesten Menschen ...

Oh ja, ich weiß.

Spürst du das, wenn du unterwegs bist?

Ja, manchmal bekommt man das zu spüren. Es ist aber nicht so schlimm, dass ich mich schon verstellen müsste. Man muss versuchen das nicht so persönlich zu nehmen, denn wir Amerikaner haben nun mal diesen schlechten Ruf und dies nicht ganz zu unrecht. Vielleicht wird sich das eines Tages mal wieder ändern. Ich würde es mir sehr wünschen.

Bei Social Distortion bist du eher Nebendarsteller. Wie verhält es sich im Innenleben von Social Distortion? Habt ihr Drei als Nebenmänner ein Mitspracherecht oder entscheidet Mike Ness alles alleine?

Mike ist ganz klar der Boss. Social Distortion ist seine Band. Die Leute kommen um ihn zu sehen. Wir Drei leisten unseren Beitrag dazu, dass die Band Social Distortion weiter leben kann und die Leute weiterhin diese wundervollen Songs von ihm hören können. Machen wir uns nichts vor: Jede Band hat einen klaren Boss. Eine Band, die nach klaren demokratischen Regeln agieren will, kann auf Dauer nicht funktionieren. Oder kannst du mir eine Band nennen, bei der das so ist? Allein schon der Umstand, dass jedem auf die Bühne die gleiche Aufmerksamkeit zu Teil wird, ist nicht umsetzbar. Die Rolling Stones sind in ihrer aktuellen Besetzung schon seit Ewigkeiten als Band aktiv, aber mal ganz ehrlich: Mick ist der Boss, oder? (lacht)

Wenn ich Pressefotos von Social Distortion sehe, dann sehe ich nie einen von euch lachen. Wieso immer diese ernsten Mienen?

Oh ja, ich hasse diese ewig gleichen Fotoaufnahmen (setzt eine ernste Miene auf). Ich kann aber jetzt verraten, dass wir schon ab und zu lachen. Ich denke diese ausgedrückte Ernsthaftigkeit hängt mit dem Erwartungsbild zusammen, dass die Leute von uns haben. Will wirklich jemand, dass Social Distortion eine fröhliche Band ist? Ich glaube nicht ...

Es gibt diese legendäre Ansage von Mike Ness auf der "Live at the Roxy"-LP: "Ihr wollt fröhliche Lieder hören? Entschuldigung, aber wir haben keine fröhlichen Lieder".

Genau, das bringt es ganz gut auf den Punkt. Es empfiehlt sich aber, sich generell nicht so ernst zu nehmen. Wir tun es jedenfalls nicht.

Gleich spielt ihr hier vor ca. 3.000 Leuten. Weißt du noch wie viele Besucher bei deinem ersten Konzert waren?

Gute Frage, ich habe kürzlich erst noch Bilder vom ersten Auftritt mit meiner ersten Band bei Facebook gesehen. Das war in einem Wohnzimmer und da waren wahrscheinlich so um die 30 Leute anwesend – eine der üblichen Parties, wie wir sie damals oft gefeiert haben.

Ich hätte jetzt mit dem Klassiker gerechnet, dass du Weihnachten vor deiner Familie was gespielt hast oder so etwas ...

Nein, so etwas gab es bei uns nicht (überlegt). Doch warte: In der Elemantary School (vergleichbar mit der hiesigen Grundschule, Anm. der Redaktion) hatten wir mal eine Weihnachtsaufführung. Dort sollte ich Blockflöte spielen, doch ich war zu faul es zu lernen. Bis zu der ersten Probe habe ich das Ding nicht einmal in die Hand genommen. Während der Probe erblickte ich dann in der Aula meinen Erzfeind Jimmy Ewing – wir haben uns fast immer geprügelt, wenn wir uns sahen. Als er sich mit seinem Kumpel unterhielt, konnte ich von seinen Lippen ablesen, dass er zu ihm sagte: "Jonny tut nur so, der spielt gar nicht wirklich." (lacht). Er hatte Recht. Ich habe wirklich nur so getan, als ob ich spielen kann.

 

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