21.03.2014

Saskia Roller & Friederike Haas

"Unter der Geburt fällt jede Maske."

Saskia Roller & Friederike Haas
Interview: Bine & Stefan Üblacker / Foto: Saskia Roller & Friederike Haas

Friederike und Saskia sind Hebammen aus Leidenschaft. Zusammen mit zwei anderen Kolleginnen betreiben sie als Beleghebammen in Bonn einen Hebammenladen. Auch unsere beiden Kinder haben dank ihrer Hilfe das Licht der Welt erblickt. Im Interview mit uns sprechen sie über das Glück der natürlichen Geburt, die finanzielle Situation der Hebammen, das Für und Wider des Kaiserschnitts und Erlebnisse aus dem Kreißsaal. Während des Gesprächs fällt öfters das Wort paradox, dass sowohl die bedenklich hohen Kaiserschnittraten beschreibt, als auch den Umgang damit im deutschen Gesundheitssystem.

Bei einer Hebamme denkt man als Laie erstmal an die Geburt selber. Was umfasst eure Tätigkeit als Beleghebamme neben der reinen Geburtshilfe?

Friederike: Offiziell kann man eine Hebamme ab dem Moment zu Rate ziehen, in dem man denkt, man sei schwanger. Wir können und dürfen eine Schwangerschaft feststellen und ab dann die Vorsorge leisten und zwar genauso wie der Frauenarzt das macht - exklusive Ultraschall. Die Frauen können jederzeit bei Beschwerden und Beratungswünschen auf uns zu kommen. Hebammen bieten darüber hinaus das gesamte Kursangebot - angefangen von Geburtsvorbereitung über Babymassage, Yoga, Rückbildungsgymnastik, PEKiP, Babyschwimmen und Sport an. Außerdem gibt es bei uns Zusatzangebote wie Kinesiotaping, Akupunktur, Körperarbeit oder Homöopathie. Nach der Geburtshilfe bieten wir als weiteren wichtigen Pfeiler die anschließende Nachsorge an. Die Hebamme kann im Wochenbett bis zu acht Wochen nach Entbindung nach Hause kommen und die Frau zu Hause betreuen. Danach gibt es weiterhin die Möglichkeit von Hausbesuchen, wenn die Frau beispielsweise eine Beratung bei Stillschwierigkeiten benötigt. Auch bei Fragen zum Thema Abstillen oder Beikost beraten wir gerne. Es gibt auch Hebammen, die sich auf das Thema Beckenboden spezialisiert haben - auch für Menschen, die gar nicht schwanger sind.

Wie sieht die Ausbildung zur Hebamme eigentlich aus?

Friederike: Das kann man so pauschal gar nicht mehr genau sagen. Früher war es eine stinknormale betriebliche Ausbildung über drei Jahre, wo man z. B. in den Fächern Hebammentätigkeit, Anatomie, Arzneimittellehre, Psychologie, Gesetzeskunde oder Hygiene unterrichtet wurde. Heute kann man es sogar an der Universität studieren. Ich finde das gut, denn so wird es auch noch mal aufgewertet.

Vor kurzem gab es eine Meldung vom Gesundheitsministerium NRW, in der es sich über die steigenden Kaiserschnittgeburten besorgt zeigt und 2014 einen Expertenkreis zur Ursachenforschung ins Leben rufen will. Wir können das sicher schon abkürzen: Woher kommt dieser Trend?

Friederike: Die Gründe sind vielfältig. Der Landkreis Landau in Baden-Württemberg hat z. B. eine Kaiserschnittrate von fast 50 %. Das ist unglaublich hoch. Jedes zweite Kind kommt dort also per Kaiserschnitt zur Welt. Das bedeutet für die Frauen bei der nächsten Geburt wieder ein erhöhtes Risiko für einen Kaiserschnitt. Schon jetzt merken wir, dass die Hebammen und die Ärzte die normale Geburtshilfe verlernen. Die bekommen nur noch Kinder auf natürliche Weise, die so raus-flutschen und wenn ein Problem auftaucht, sagen wir irgendeine Fehlstellung, fehlt das Handwerk um das normal zu regeln. Es fehlt der Mut, das Handwerk, die Erfahrung und die Geduld. Bei den Ärzten und den Hebammen regiert oft die Angst etwas falsch zu machen. Die sprechen bei der kleinsten Auffälligkeit lieber die Empfehlung aus: „Oh, wir machen lieber einen Kaiserschnitt!“. Dann gibt es natürlich auch viele Frauen, die sagen: „Ich trau mir das gar nicht zu. Ich mag das nicht auf mich zu kommen lassen.“
Saskia: Viele haben auch das Gefühl für ihren Körper verloren und sprechen sich aus Angst und Bequemlichkeit für den Kaiserschnitt aus - ohne darüber nachzudenken, dass es für die Gesundheit von Mutter und Kind am besten ist, wenn das Kind auf natürlichem Wege zur Welt kommt. Vielen Schwangeren wird von Beginn an eine Risikoschwangerschaft aufgedrückt und somit wird ein Geschäft mit der Angst gemacht. Leider wird dieses Denken am Ende vom Gesundheitssystem mehr belohnt. Das ist aber kein alleiniges Thema der Geburtshilfe, sondern zieht sich durch fast alle chirurgischen Disziplinen.

Die Kliniken beschweren sich sicher nicht über die hohen Kaiserschnittraten. Sie können dadurch doch mehr abrechnen, oder?

Saskia: Ja, die beschweren sich sicher nicht darüber (lacht), denn natürlich ist ein Kaiserschnitt weitaus kostenintensiver als z. B. eine Hausgeburt. Bei einem Kaiserschnitt benötigt man einen OP, ein ganzes Team an Ärzten, Anästhesisten und Schwestern. Der Patient bleibt in der Regel mehrere Tage mit dem Kind im Krankenhaus und wird umsorgt. Bei der Hausgeburt gibt es erstmal nur mich. Man muss sich auch mal die Geschäftszahlen der Kliniken anschauen, die heute schon auf Kaiserschnittraten von 50% bekommen. Die schreiben schwarze Zahlen! Wogegen ein Krankenhaus mit einer niedrigen Kaiserschnittrate eher roten Zahlen in Bezug auf die Geburtshilfe schreiben. Es gibt ja mittlerweile schon die Bestrebung von dem Berliner Chefarzt Dr. Abou-Dakn die natürliche Geburt als Weltkulturerbe einzutragen. Das alles sollten doch genug Warnzeichen sein.

Was verpassen Frauen, die sich für einen Kaiserschnitt und gegen eine natürliche Geburt entscheiden?

Saskia: Ich finde den Satz von dem französischen Arzt Frédérick Leboyer, dem Vater der sanften Geburtsmedizin, sehr schön, der gesagt hat: „Ein Kaiserschnitt ist wie das Lesen eines guten Buches, in dem das spannendste Kapitel fehlt.“ Das glaube ich auch, denn allein die ganzen Hormone, die unter einer Geburt ausgeschüttet werden, erlebt man nicht. Wir müssen lernen unserem Körper mehr zu vertrauen, denn er kann ganz alleine wunderbare Dinge verrichten. Die Hormonsituation bei einer Geburt ist beispielsweise ein so komplexer und sensibler Vorgang, den man sogar mit heutigen Methoden nicht nachvollziehen kann, der aber auf unseren Körper solch eine große Auswirkung hat, dass diese positive Stressreaktion bei einer natürlichen Geburt nachgewiesenermaßen wichtige gesundheitliche Effekte hat. Man muss das auch mal aus der Perspektive des Kindes betrachten. Nicht umsonst neigen viele Kaiserschnitt-Kinder, die niemals Wehen erlebt haben, erwiesenermaßen mehr zu Allergien oder Diabetes.

Wie schwer ist es unter der Geburt für euch loszulassen und den Frauen am Ende mitteilen zu müssen, dass es bei ihnen auf natürlichem Wege nicht klappt und ein Kaiserschnitt her muss?

Friederike: Es ist sehr schwer. Für uns ist es jedes Mal ein kleiner Trauerfall und ein kleines Scheitern. Das nagt schon an einem. Es gibt wenige Kaiserschnitte bei uns, die ich als Arzt auch so durchgeführt hätte. Bei den meisten hätte ich gewartet und noch etwas probiert. Wir gehen einfach nicht gerne in den OP, aber wer macht das schon?
Saskia: Es ist von Geburt zu Geburt verschieden. Man hat das als mögliche Option immer im Hinterkopf und ich bin auch darauf vorbereitet, dass ich die ein oder andere Frau enttäuschen muss. Es gibt bei Geburten keinen Garantieschein. Ich vertraue letztlich immer sehr auf mein Gefühl und bin damit bisher immer gut gefahren.

Muss man manche Frauen in ihrem Willen nicht auch ausbremsen?

Saskia: Ja, wenn uns irgendwann keine Mittel mehr zur Verfügung stehen oder Mutter und Kind eventuell Schaden nehmen könnten.

 

 weiterlesen 

 
 





 
Dirk Darmstaedter
"Top Of The World"

"Es sind nicht unbedingt die Siege, die den Job am Schönsten machen."
Frank Wormuth

Kraftklub
Nena
Jonny Two Bags
Donots
SWISS und die Andern
Jan Plewka
Farin Urlaub
Dr. Ring Ding
Niels Frevert
Bela B